Antiatlas und Tal der Ammeln

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Der Antiatlas ist schön, nicht so hoch wie der Hohe Atlas aber faszinierend in seiner Kargheit und seinen Kontrasten. Im Tal der Ammeln ist dieser Kontrast zwischen Berg und Oase, zwischen Stein und üppigen Grün besonders schön. Die Strecke von Tata über Igherem sind 200 Kilometer durch eine faszinierende Berglandschaft die ihren Höhepunkt bei den Granitformationen rund um Tafraoute im Tal der Ammeln hat. Den Resten der perfekt angepassten Lebensweise der Schlöh-Berber begegnet man in Agadiren, Tighrem sagt man lokal dazu und in den kleinen flachen Häusern die an den Felswänden kleben oder auf Bergrücken sitzen. Bei Tafraoute wird dieser Gegensatz besonders sichtbar weil sich hier das Tal weitet. Der große grüne Talkessel ist umgeben von rosaroten Granitformationen, die bekannteste ist der Hut des Napoleon.

Igherm / Ighrem an der R109

Igherm ist eine phonetische Umschrift von Ighrem und das bedeutet soviel wie „Getreidespeicher“, es gab tatsächlich zwei davon in der kleinen Bergoase. 4.100 Menschen leben hier auf 1.725 Metern Höhe im mittleren Antiatlas. Der kommunale Getreidespeicher muss für die hier lebenden Berber eine große Bedeutung gehabt haben, denn sie haben ihren Ort danach benannt. „Ighrem“ wird als Begriff im Taschelhit, einer Berbersprache die im mittleren und östlichen Antiatlas sowie im Hohen Atlas gesprochen wird, verwendet. Der gebräuchlichere Name für einen solchen Speicherbau ist „Agadir“.

Igherm liegt an der R106 auf halber Strecke zwischen Tata (110 Kilometer südöstlich) und Tafraoute (96 Kilometer nordöstlich). Seit 2008 ist die Straße durchgehend asphaltiert aber sie ist immer noch sehr abenteuerlich und schön. Es gibt ein Cafe, eine Bäckerei und eben den renovierten Getreidespeicher. Er wurde 2005 restauriert, auch seine 1922 zerstörten Türme wurden rekonstruiert. Die Mauer ist eine 1,5 Meter hohe und 50 Zentimeter dicke Trockensteinmauer. Im Inneren befinden sich 50 Speicherkammern. In der Speicherburg ist der Bau eines Museums zur Lebensweise und Kultur der Berber des Antiatlas geplant.

Getreidespeicher des Typ Hof-Agadir

Getreidespeicher können eine sehr unterschiedliche Architektur haben. Am Foto links der Hof des Agadir von Igherm und rechts der Agadir von Ait Kine. Als Baumaterial wurde verwendet was vor Ort vorhanden war. Im Fall von Igherm dominiert Trockenmauertechnik aus Stein. Die Agadire von Igherm und in der Umgebung (Tagmoute / Ait Kine) sind sogenannte Hof-Agadire. Jene die weiter westlich zu finden sind, gehören dagegen zum Typ „Zellenagadir“. Da die meisten Getreidespeicher heute nicht mehr genutzt werden, sind viele völlig verfallen.

An sich sind Getreidespeicher nicht ungewöhnlich, man findet sie global. Es ist eine Architektur die aus der Notwendigkeit heraus entsteht. Transhumanten (Halbnomaden) müssen, aufgrund ihrer Abwesenheit, ihre Vorräte sichern und dafür brauchen sie einen kommunalen Speicher. Beim Typus des Hof-Agadir bieten sich weitere Nutzungsmöglichkeiten an. Er kann auch als Burg für die im Dorf zurückgebliebene Gemeinschaft fungieren und in Friedenszeiten ist der Hof ein guter Versammlungsplatz für den Dorfrat.

Restaurierter Speicher in Igherm Foto: MarokkoErfahren

Das Tal der Ammeln

Dieses Tal zieht sich etwa 15 Kilometer lang bis Tafraoute und bestand früher aus 26 Dörfern. Die Ammeln, das sind Berber, Schlöh Berber um genau zu sein. Die Berge, die das auf 1.000 Meter gelegene Tal bilden sind 1.500 bis 1.700 Meter hoch. Die dahinter liegende Gebirgskette ist höher, sie steigt mit dem Jbel Lekst bis auf 2.360 Meter an. Im Frühjahr und im Winter fließt viel Wasser über die Berghänge und speist den Oued Massa, daher ist das Tal relativ fruchtbar.

Das Tal war lange abgeschieden, erst seit Mitte des 20.Jahrhunderts gibt es gute Straßen, daher lebten die Menschen von Subsistenzwirtschaft, sie waren Selbstversorger. Auf den kleinen Feldern bauten sie Gerste, Kartoffeln und Gemüse an. In ihren Gärten pflanzten sie Oliven, Mandel-und Arganbäume sowie Granatäpfel. Viehzucht beschränkte sich auf Schafe, Ziegen und Hühner. In den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts blieb dann der Regen aus, daher sind viele Männer in die großen Städte Marokkos und teilweise nach Europa abgewandert.

Typische Häuser im Antiatlas

Akkulturation – oder Veränderung kann man nicht aufhalten

Das Tal der Ammeln liegt zwischen Taguenza im Westen und Sidi-Abd-el-Jebar im Osten. Es ist eingerahmt von der Kette des Jbel Lekst. Im Tal verstreut liegen die „Douars“, die Häuser der Ammeln, wie Schwalbennester eingebettet in die Nischen der Felshänge über blühenden Obstgärten. Die Fassaden verziert mit Berberornamentik. Quadrate, Dreiecke, Bögen, einzeln oder zusammengesetzt als Bänder, mit weißer Farbe hervorgehoben. Feingeschnitzte Holztüren und verzierte Fenster. Auf den Terrassendächern Zinnen und schmale Steine als Phallus Symbol.

So hätte man das Tal der Ammeln früher beschrieben. Heute sind nur relativ wenige alte Häuser erhalten und bewohnt. Mehrere Generationen junger Männer ging zur Arbeit in die großen Städte Marokkos oder nach Europa. Sie haben dort eine andere Kultur kennengelernt und sie mit nach Hause gebracht. Viele Ammeln wohnen heute in modernen Häusern aus Hohlblocksteinen mit Satellitenschüssel am Dach und Elektrogeräten im Haushalt. Das ist ein Prozess der Akkulturation. Wechselseitigen Anpassungsprozesse bei der Begegnung zweier unterschiedlicher Kulturen werden als Akkulturation bezeichnet.

Jbel Lekst mit 2.365 Meter einer der höchsten im Berge im Antiatlas

Tafraoute im Tal der Ammeln

Die Kleinstadt Tafraoute am Oued Massa ist nicht groß, nur etwa 6.200 Menschen leben hier. Es gehört zu der Provinz Tiznit in der Region Souss-Massa im Antiatlas. Das Besondere an der Landschaft, des Tal der Ammeln, ist der Granit. Wie die meisten Dörfer liegt auch Tafraoute auf etwa 1.000 Meter Höhe.Das Klima ist aufgrund der Höhenlage gemäßigt aber eher trocken. Regen gibt es normalerweise immer nur im Winter. Seit der 1980er Jahren blieb der Regen in manchem Winter völlig aus und das verursacht Probleme in der Landwirtschaft.

Tafraoute ist das traditionelle und bis heute wichtigste Handelszentrum im westlichen Antiatlas. Früher war es hier sehr fruchtbar und die Selbstversorgung funktionierte gut. Seit sich das geändert hat sind viele Männer abgewandert und arbeiten in den großen Städten Marokkos, das Geld schicken sie nach Hause, denn die Familien bleiben meist vor Ort. Seit dem Millennium ist der Tourismus zu einer wichtigen Erwerbsquelle geworden. Daneben gibt es kleine Handwerksbetriebe, Schuster, Leder, und Silberschmiede. Die in Kooperativen organisierte Landwirtschaft fabriziert heute Arganöl und Honig, das kaufen alle, auch die Touristen.

Hut des Napoleon, der Hausberg von Tafraoute

Ausflüge im Tal der Ammeln

Es gibt noch einige Dörfer die ein „Maison Traditionelle“ haben, einen Douar, so wie die Architektur früher einmal war. Oumesnat gilt als eines der schönsten Dörfer. Es liegt nur 7 Kilometer von Tafraoute entfernt. Das Dorf ist kein Schwalbennest, es ist eher ein Adlerhorst, der über blühenden Obstgärten auf einem runden Felsen thront. Auch Agard Oudad ist schön aber wegen seiner Lage mitten in der Granitlandschaft. Manche dieser Felsen ragen wie Finger aus dem Boden. Diese Landschaft war früher häufig Filmkulisse für Western.

Ausflüge rund um Tafraoute macht man mit Geländewagen

Die blauen Steine von Jean Verame

Der belgische Künstler hat 1984 auf einer Fläche von 1,6 Km² Felsbrocken rot, lila und blau bemalt. Wind und Wetter haben die Strahlkraft der Farben verblassen lassen aber sein Kunstwerk ist noch immer zu sehen. An manchen Felsen hat man die Farben einfach nachgemalt. Verame hat das nicht nur hier gemacht, es gibt auch das „Blue Desert“ am Sinai oder die blauen Steine in einem Canyon bei Amarillo in Texas.

Felsen bunt anzumalen muss den 1939 in Gent geborenen Künstler fasziniert haben. Als Maler und Bildhauer befasst er sich mit der Dimension der Landschaft und der Entwicklung der Nomadenkunst der Welt. Seine Bemalungen in der Landschaft nehmen Bezug auf lokale Kunstformen, seine Werke sieht er als deren Weiterentwicklung. Schon 1965 sammelte und bemalte er tausend Steine am Strand von Cap Ferrat, dann zwei Jahre später errichtete er Schieferpyramiden im Department Alpes-Maritimes und Kiesberge in der Region Pyrenees Orientales. Sein flächenmäßig ausgedehntestes Werk entstand zwischen 1980/81 in Ägypten. 80 Km² verteilt auf den Sinai und das Hallaoui Plateau.

Die Blauen Steine

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