Die Straße der Kasbahs

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Die Straße der Kasbahs zerkrümmelt langsam, denn Lehmarchitektur muss gepflegt werden. Stampflehm ist in dieser Region das am besten angepasste Baumaterial aber es ist arbeitsintensiv einen Lehmbau zu errichten und vor allem zu erhalten. Es ist auch nicht einfach oder billig einen Lehmbau an den Komfort des 21.Jahrhunderts anzupassen. Das ist der Grund warum heute auf der Straße der Kasbahs viele Ksur nur mäßig erhalten sind. Der Namen „Straße der Kasbahs“ wurde von den Franzosen geprägt. Zwischen Boumalne und Quarzazate, im Dades Tal findet man sehr schöne Wohnburgen und auch der Ksar von Ait Benhaddou ist sehr sehenswert.

Kasbah Amerhidil in Skoura

Die Straße der Kasbahs – Lehmarchitektur der Berber

Die Berber haben riesige Burgen aus Lehm errichtet. Man fragt sich warum so groß, warum so wehrhaft? In den semiariden Bergregionen des südlichen Maghreb war, anders als im Norden, eine dauerhafte Sesshaftigkeit der Bevölkerung meist nicht möglich. Nur von November bis April waren die Lehmburgen „voll“ bewohnt. Den restlichen Teil des Jahres verbrachte ein Großteil der Bewohner in Zelten und auf Wanderung. Man zog mit den Viehherden dort hin wo es Wasser und Futter gab, meist in höher gelegene Bergregionen (Transhumanz/Almwirtschaft).

In dieser Zeit blieben die Heimatdörfer, die Wohnbauten mit den Ackergeräten und ein Großteil der Ernte fast unbewacht zurück. Vor allem der Verlust der Ernte wäre für die Bewohner eine Katastrophe gewesen. Deswegen haben sie, neben befestigten Dörfern, auch sehr große Getreidespeicher, sogenannte Agadire, gebaut. Die Menschen konnten sich damals nur auf sich selbst verlassen und die Zeiten waren unsicher. In einigen Gebieten des Antiatlas und des Hohen Atlas bildete sich diese Art der Verteidigungsarchitektur schon sehr früh aus. In Marokko hat diese bäuerliche Wehrarchitektur unter anderm die Straße der Kasbahs entstehen lassen.

Straße der Kasbahs

Lehmarchitektur ist nicht out

Stampflehm ist ein uraltes Baumaterial, das heute wieder große Chancen hat. Warum? Stampflehm spart Energie, reguliert die Feuchtigkeit und sorgt für ein angenehmes Raumklima. Er verbindet traditionelle Handwerkskunst mit den Anforderungen der Gegenwart: Wenig CO² Emissionen und er ist regional verfügbar, denn Stampflehm ist keineswegs auf Marokko reduziert, es gibt ihn global. Die Mischung aus der er besteht ist regional unterschiedlich aber im Prinzip ist es ein Mix aus Lehm, Sand, Kies und wenig Wasser.

Diese Mixtur wird schichtenweise in eine Schalung (Kasten) gebracht und verdichtet. Früher hat man ihn per pedes gestampft oder per Handstampfer – heute geht das maschinell. Vielleicht werden in Zukunft sogar Roboter direkt auf der Baustelle stampfen und schalen, jedenfalls glaubt man das in Deutschland. Seine Klimafunktion ist toll – im Winter warm, denn durch die große Masse entsteht eine hohe Wärmespeicherkapazität, im Sommer kühl. Außerdem kann Lehm Feuchtigkeit abgeben und aufnehmen, so sorgt er für ein ausgeglichenes Raumklima. Er hat aber auch Nachteile, denn Stampflehm ist nicht witterungsbeständig und die tragenden Wände müssen dick sein, das kostet Platz.

Straße der Kasbahs

Stampflehmtechnik in Marokko

In Marokko wird für Stampflehm eine Mischung aus Ton, Schluff (ganz feiner Sand) und Sand plus Stroh und Dung sowie Pferdemist verwendet. Diese Mixtur wird feucht in Form gebracht und dann getrocknet. Die Form erreicht man durch einen Kasten. Stroh wird deswegen zugesetzt weil es die Dichte verringert und die Wärmedämmeigenschaften verbessert. Gleichzeitig verhindert Stroh die Rissbildung. Pferdeäpfel haben einen hohen Anteil an Faserstoffen, da Pferde keine Wiederkäuer sind. Kalk wird beigemischt weil er desinfizierend wirkt, Säuren zu Salzen neutralisiert und damit die Wasserspeicherkapazität erhöht.

Quarzazate

Mit Stampflehm baut man flott aber er braucht viel Pflege

Ein Stampflehmbau kann schnell errichtet werden aber er braucht viel Pflege. Im Dachbereich und an den Außenwänden muss der Lehmanstrich regelmäßig erneuert werden. Tut man das nicht, dringt zu viel Wasser ein. Auch wenn es im Süden Marokkos wenig regnet, ohne Schutzanstrich geht es nicht. Die Holztramen im Inneren, meist aus Palmenholz, müssen spätestens nach zwei Generationen ausgetauscht werden. Ein gut instand gehaltenes Lehmgebäude kann über 1.000 Jahre alt werden aber wenn man nur einige Jahre nichts tut, beginnt der Verfall sehr rasch.

Für die junge Berbergeneration ist diese Lehmarchitektur „rückständig“, sie wollen lieber in modernen Häusern wohnen. Diese sind von der Bauqualität zwar viel schlechter, weil meist mit billigen Hohlsteinen gebaut wird, aber sie sind handlicher. Man lebt heute nicht mehr als Transhumant und Überfälle auf Dörfer sind ebenfalls kein großes Thema. In den staubigen, lichtlosen und ständig pflegebedürftigen Tighremts will niemand mehr leben. Die alten Bauformen sind überflüssig geworden oder nicht mehr zeitgemäß – mit der Konsequenz, dass die alte Bausubstanz zusehends verfällt und nicht mehr wie früher restauriert wird. Sie überlebt heute nur noch in Form von Museen oder Hotels, der Tourismus ist die Beste Chance, dass die Lehmarchitektur nicht ganz verschwindet.

Straße der Kasbahs

Skoura an der Straße der Kasbahs

Wenn man von Boumalne kommt, passiert man zuerst El-Kelaa des M’Gouna, die Stadt der Rosen. Im Frühjahr blühen hier am Südrand des Hohen Atlas Damaszener-Rosen. Palmen gibt es hier nicht, denn die Stadt liegt mit 1.467 Meter Höhe zu hoch dafür. Das Hauptprodukt der lokalen Märkte ist Rosenöl. Bis Skoura verliert man einige Höhenmeter, der Ort liegt nur mehr auf 1.280 Meter. Skoura ist die erste Oase im Dades Tal. In der 12 Kilometer langen und 6 Kilometer breiten Oase wachsen 440.000 Bäume, 140.000 davon sind Dattelpalmen. Daneben gibt es Oliven, Äpfel, Mandelbäume aber auch Feigen und Marillen sowie Granatäpfel. Rosenhecken bilden hier die Begrenzung der Äcker.

Kasbah Amerhidil bei Skoura

Die Kasbah von Amerhidil

Sie gilt als eine der schönsten auf der Straße der Kasbahs und war früher auf dem 50 Dirham Schein abgedruckt. Die Kasbah Amerhidil wurde im 17.Jahrhunder errichtet. Ursprünglich bestand sie aus einem befestigten Dorf, einem Ksar. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts wurde ein gewisser Mohammed Ben Brahim Nasiri, ein Fakhi (Rechtsgelehrter) ausgewählt die Söhne von Madani El Glaoui im Koranlesen zu unterrichten. Nasiri stammte aus einer lokalen Oberschichtfamilie von Skoura. Quasi als „Gehalt“ beauftragte El Glaoui seine Handwerker Herrn Nasiri einen Tighremt am Ksar zu bauen.

Das befestigte Herrenhaus, der Tighremt von Herrn Nasiri aus dem späten 19.Jahrhundert ist das am besten erhaltene Kernstück der heutigen Anlage. Das alte Dorf aus dem 17.Jahrhundert, der Ksar, liegt mittlerweile in Ruinen. Der Komplex ist bis heute im Besitz der Familie Nasiri und wird von ihr gepflegt. Die Familie lebt auch noch hier aber ein Teil ist abgetrennt und fungiert als Museum.

Die Kasbah Amerhidil – der Tighremt

Die Architektur der Kasbah Amerhidil

Die Kasbah Amerhidil ist in der klassischen Berberarchitektur aus Stampflehm in Kombination mit Lehmziegeln errichtet. Die quadratischen Ecktürme sind geometrisch verziert. Der ursprüngliche Ksar (das Dorf) bedeckte die, von einer Mauer umgebene, nördliche Fläche der Anlage. Der Tighremt der Familie Nasiri aus dem 19.Jahrhundert erstreckt sich südlich entlang des Flusses. Vom Grundriss her ist der Tighremt ein fast quadratisches Gebäude mit vier Ecktürmen. Turm Nummer 5 ist ziemlich neu. Im südlichen Teil des Herrenhauses legte man im Innenhof einen Garten an.

Das Haupthaus hat 4 Etagen, die sich um einen zentralen Innenhof, den „wust ad-dar“ (Mitte des Hauses), gruppieren. Im ersten und zweiten Stockwerk hat der Innehof ein Dach, im dritten Stockwerk ist er offen und im vierten Stock befindet sich die Terrasse. Die Räume im ersten Stock wurden zur Lagerung von Lebensmitteln, Waren und als Stall genutzt. In der zweiten Ebene befand sich die Küche und die Vorratsräumlichkeiten. Die eigentlichen Wohnräumlichkeiten waren auf der dritten Ebene, die um die Freiluftterrasse herum zentriert ist. Hier gibt es auch Lichteinfall von außen. Die vierte Ebene, die darüberliegende Terrasse, verfügte über eine Sonnenuhr und ermöglichte einen Zugang zu den Türmen.

Quarzazate

Quarzazate

Die Stadt hat etwa 80.000 Einwohner und ist Provinzhauptstadt der gleichnamigen Provinz. Es ist auch das Verwaltungszentrum des Südostens und es ist ein idealer Ausgangspunkt für Reisen durch den Süden Marokkos. Außerdem ist es als Filmkulisse ziemlich bekannt. Die Stadt liegt auf 1.160 Meter Höhe in der Präsahara. Hier ist es sehr trocken aber in der Nähe von Quarzazate gibt es ein großes Wasserreservoir. Der Stausee El-Mansour-Eddahbi wird vom Dades gespeist, sein Abfluss ist der Draa Fluss.

Die Provinz Quarzazate ist etwa halb so groß wie Österreich, sie umfasst 41.555 Km² Die Stadt wurde von den Franzosen 1928 als Garnison angelegt. Hier treffen sich wichtige Straßenverbindungen, das macht es zu einem strategisch bedeutenden Ort. Die Routen Agadir-Tafilalet und Marrakech-Zagora-Mhamid-Algerien kreuzen sich hier. In der Provinz wird Erz gefördert aber die Landwirtschaft ist ebenfalls von Bedeutung. In elf Oasen wachsen etwa 4,5 Millionen Dattelpalmen. Gute Einnahmen bringt auch der Kongresstourismus und das Filmgeschäft. Quarzazate ist das „Hollywood der Wüste“.

Kasbah Taourirt

Die Kasbah Taourirt von Quarzazate ist Teil der Straße der Kasbahs

Die Kasbah Taourirt ist eine „Glaoui Kasbah und sie wird heute noch von Nachkommen der Glaoui und Stammesangehörigen der Haouza bewohnt. Sie ist eine der größten Marokkos und sie war Amtssitz und Residenz des „Khalifa“ El Glaoui. Im Inneren befinden sich noch immer viele repräsentative Räume im maurischen Stil. Ein Teil der Kasbah ist heute ein Museum.

Der letzte El Haouzi (Stammesfürst der Haouza) war Thami El Glaoui. Man nannte ihn den Löwen des Atlas. Er war eine schillernde Persönlichkeit. In der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts kollaborierte er mit den französischen Kolonialherren und spielte bis zur Unabhängigkeit eine machtvolle Rolle. Er war sogar temporär Pascha von Marrakech. Nach der Unabhängigkeit wollte er sich mit König Mohammed V. versöhnen, der gab ihm allerdings einen Korb. Thami El Glaoui starb 1956.

Kasbah Tiffoultoute in Quarzazate

Kasbah Tiffoultoute

Sie wurde bekannt als Kulisse des Films Lawrence von Arabien (1962) und liegt acht Kilometer westlich von Quarzazate in der kleinen Gemeinde Tarmight. Die Kasbah gehört der Familie von Thami el-Glaoui. Heute versucht man einen Teil zu retten indem man ein Hotel mit Restaurant betreibt. Bis 1979 war sie in Staatsbesitz, dann hat man sie an die Erben von Thami el-Glaoui zurückgegeben. 1997 wurden hier auch Szenen von „Kundun“ gedreht, ein Film der das Leben des Dalai Lama erzählt.

Bild: Agence Havas

Thami el-Glaoui

Thami el Mezouari el Glaoui wurde 1879 in Telouet geboren und starb dort 1956 im hohen Alter von 77 Jahren. Der Löwe des Atlas oder auch der Schwarze Panther, letzteres ist eine Anspielung auf seine äthiopische Herkunft, ist der vielleicht berühmteste Stammesführer Marokkos. Den Ehrentitel „el Mezouari“ bekamen die Glaouis von Moulay Ismael im Jahr 1700. Die Glaoua sind ein Berberstamm der seinen Sitz im Hohen Atlas, in Telouet, hat und auch in Marrakech präsent ist. Nach dem Tod seines älteren Bruders (el-Madani) übernahm „El-Glaoui“ die Führung des Stammes. Als Verbündeter des französischen Protektorats setzte er sich für den Sturz von Mohammed V. ein.

El Glaoui war bei den Europäern beliebt. Er war als militärisch erfolgreicher Stammesführer ein wichtiger Verbündeter. Er reiste oft nach Europa und kannte viele europäische Hauptstädte. In Marrakech empfing er Leute wie Winston Churchill, Maurice Ravel und Charlie Chaplin. Winston lud ihn sogar zur Krönung von Elisabeth II. von England ein. Als Verbündeter der Franzosen wurde er reich. Er hatte Beteiligungen an französischen Minen und Fabriken, man schätzt sein Vermögen auf damals 50 Millionen USD, das wären heute um die 880 Millionen USD.

Ait Benhaddou auf der Straße der Kasbahs

Ait Benhaddou

Der 2.000 Seelen-Ort liegt etwa 30 Kilometer von Quarzazate entfernt am Oued Mellah der selten viel Wasser führt und oft völlig trocken fällt. Nach einem Regen musste man früher mit Mulis den Fluss überqueren aber heute gibt es eine Brücke. In Ait Benhaddou wurden viele Filme gedreht. Für „Sodom und Gomorrha“ von Robert Aldrich und Sergio Leone wurde 1962 das Monumentaltor neu errichtet. Seit 1987 ist die Festungsstadt UNESCO Weltkulturerbe. Sie liegt zwischen 1.270 Meter und 1.320 Meter Höhe, je nachdem ob man am Fuß der Kasbah steht oder oben auf der Aussichtsterrasse.

Die vielen Filme die hier gedreht wurden haben den Verfall des Ksar gebremst. Für den Film „Jesus von Nazareth“ von Franco Zeffirelli zum Beispiel wurde das Wehrdorf gegen Ende der 1970er Jahre restauriert. Auch für den Film „Gladiator“ von Ridley Scott wurde zum Millennium Ait Benhaddou renoviert und herausgeputzt. Zudem bringt der Tourismus gutes Geld, der Ort gehört zu den Hauptattraktionen Marokkos. Die Jungen wandern trotzdem ab. Entweder ziehen sie nach „Neu-Ait Benhaddou“ auf der anderen Seite des Mellah oder sie gehen in die großen Städte an der Küste.

Ait Benhaddou nach einem Regen

Die Geschichte und Architektur von Ait Benhaddou

Eigentlich ist der Hauptort der Ait Ben Haddou ein alter Ort. Zur Zur Zeit der Almoraviden, also im 11.Jahrhundert, kontrollierten der Stamm den Handel am Asif Mellah auf der alten Karawanenstraße zwischen Timbuktu und Marrakech. Der Ksar ist allerdings nicht so alt. Er wurde aus Stampflehm und Lehmziegeln irgendwann zwischen 12. und 16.Jahrhundert errichtet. Groß dürfte er immer gewesen sein. Es finden sich Berichte, dass hier um die 1.000 Menschen lebten.

Das alte Dorf besteht aus mehreren, teilweise verschachtelten, Wohnburgen (Tighremts). Die Lehmmauern sitzen auf dem anstehenden Fels und haben Sockel aus größeren oder kleineren Findlingen. Es sind vor allem die dekorierten Ecktürme und die Zinnen, die Ait Benhaddou sein wehrhaftes Aussehen verleihen. Als Muster verwendete man das Rautenmotiv, vermutlich als abstrahiertes Auge, vielleicht um den bösen Blick abzuwehren. Statt Fenster haben die Tighremts Lichthöfe. Minarett gibt es im Altstadtteil keines. Es war im Süden früher nicht üblich in Dörfern ein Minarett zu bauen. Auf der Bergkuppe, oberhalb des Ksar, befindet sich eine Festung aus dem 17.Jahrhundert. Diese wurde nicht gegen äußere Feine errichtet sondern zur Kontrolle der Bewohner Ait Benhaddous.

Ait Benhaddou
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