Die Quellflüsse des Oued Draa sind der Dades und der Quarzazate, beide entspringen im Hohen Atlas. Sie fließen in den Stausee El-Mansour-Eddahbi und das Wasser kommt als Draa Fluss wieder heraus. Dieser hat sich via Agdz ein wunderschönes Tal bis Zagora gegraben. Mit 1.200 Kilometer Länge ist er der längste Fluss Marokkos. Hinter Zagora macht er ein Knie und fließt Richtung Atlantik, den er bei Kap Draa erreicht. Allerdings fließt sein Wasser selten ins Meer, denn es wird für die Bewässerung der Palmen und der Landwirtschaft verwendet. Sein schönster Teil ist der Oberlauf zwischen Quarzazate und Zagora.

Agdz
Der Name bedeutet soviel wie „Rastplatz“ und das ist die 940 Meter hoch gelegene 11.000 Einwohnerstadt auch für die meisten Touristen, die das Draa Tal besuchen. Agdz ist aber auch das Verwaltungszentrum des nördlichen Draa-Tales und ein Marktort. Daher gibt es rund um den Hauptplatz einige Geschäfte. Man kann hier Webwaren, Teppiche, Kupferarbeiten und Schmuck kaufen. Gegenüber von der Stadt liegt der Hausberg von Agdz, der Jebel Kissane (1.531 Meter). Es regnet hier selten, wenn dann nur im Winter.
Früher lebte man hier von den Dattelpalmenoasen am Fluss aber heute verdient man sein Geld durch den lokalen und regionalen Handel und Transport. Wichtig ist das Geld, das die Männer, die im Norden Marokkos arbeiten, jedes Monat nach Hause schicken. Seit den 1970er Jahren spielt auch der Tourismus eine Rolle. Der 20 Kilometer nördlich gelegene Bergpass Tizi n’Tinifift (1.660 Meter) ist ein Glück für Agdz. Früher machten die Handelskarawanen, die von Timbuktou kamen deswegen hier Pause und heute halten die Busse und LKWs an.

Agdz ist heute ein relativ moderner Ort und daher eher ein pragmatischer Stopp am Weg. Es liegt am Plateau am Talrand, die Oase liegt im Flusstal. Diese ist sehr fruchtbar, im Schatten der Palmen wachsen Obst und Feigenbäume und in deren Schatten wird dreimal im Jahr Getreide, Gemüse, Salat und Henna geerntet. Am Ortsende von Agdz liegt am linken Draa Ufer der Ksar Tamenougalt, das alte Zentrum der Region und des Stammes der Mezguita-Berber. Früher war Tamnougalt der Hauptort der Oase Mezguita. Die Gründung des Ortes geht in die Saadier Zeit zurück. Von 1847 bis 1955 übernahm der Clan der Glaoui die Macht.

Das Wadi Draa
Wie der Name vermuten lässt, ist das Wadi Draa ein regelmäßig austrocknender Fluss mit einer theoretischen Länge von etwa 1.200 Kilometer. Theoretisch deswegen weil der letzte Teil bis zum Atlantik ein „steinerner Fluss“ ist, also so gut wie nie Wasser führt. Als Fluss ist er im Frühjahr bis Zagora erkennbar, hinter Agdz trocknet er die meiste Zeit des Jahres aus. In der Protektoratszeit (1912 bis 1956) war der Draa die Grenze zu Spanisch-Sahara. Heute bildet er etwas weiter östlich die Grenze zu Algerien, eine nicht ganz unumstrittene Grenze. Sehr selten aber manchmal nach heftigen Regenfällen ist er noch immer der längste Fluss Marokkos.

In der Antike wurde der Draa vermutlich „Lixos“ genannt, jedenfalls taucht er unter dieser Bezeichnung im Periplus des karthagischen Seefahrers Hanno auf. Menschen treiben sich im Draa Tal schon sehr lange herum. Immerhin hat man hier die Venus von Tan-Tan gefunden. Sie ist wissenschaftlich nicht ganz unumstritten aber man schätzt sie auf 300.000 bis 500.000 Jahre. Sie ist nur 6 Zentimeter groß und es ist nicht ganz klar ob sie von Menschenhand gemacht ist.
Aus der Zeit der Jäger-und Sammlerperiode fand man Felszeichnungen mit Tierdarstellungen (Elefanten, Nashörner). Sie sind nicht umstritten und man schätzt ihr Alter auf etwa 5.000 Jahre. In dieser Zeit waren die Menschen noch eine aneignende Gesellschaft. Der Übergang zum Nomadentum und zur Viehzucht kam später. Wann genau die Menschen im Draa Tal sesshaft wurden ist nicht ganz klar. Der Prozess der Sesshaftwerdung dürfte einige Zeit angedauert haben. Jedenfalls gab es eine längere Periode von Konflikten, denn Nomadentum und Sesshaftigkeit schließen in einer Oase einander aus.

Tamegroute
Die Stadt besteht aus mehreren Dörfern (Ksour) und hat etwa 20.000 Einwohner, sie gehört zur Provinz Zagora dazu. Traditionell war Tamegroute ein Zentrum der Religion und der Wissensvermittlung. Die ehemals berühmte Zawiya der Nassirija Bruderschaft, eines Sufi Ordens, ist heute eine Bibliothek. Die grüne Keramik ist das bekannteste Souvenir des Ortes in dem es viele Töpfereien gibt. Er liegt 27 Kilometer südlich von Zagora an der N9. Die Bewohner von Tamegroute sind Angehörige der verschiedenen Berberstämme der Umgebung. Abwanderung aus den kleinen Dörfern ist ein großes Thema. In Tamegroute gibt es Schulen, Krankenhäuser und Arbeit, in den Dörfern gibt es das nicht.
Im 17.Jahrhundert gründete Abou Abdallah Mohammed Ben M’Hamed Ben Nacer die Koranschule der Zawiya und eine Bibliothek. Er brachte Bücher und Schriften aus allen arabischen Ländern in das kleine Tamegroute. Heute sind in der Bibliothek noch an die 4.000 Werke vorhanden. Es handelt sich um handgeschriebene Bücher und Pergamentrollen. Die älteste Koranhandschrift stammt aus dem 12.Jahrhundert. Im Komplex der Zawiya befinden sich auch die Gräber von sieben Marabouts und einer weiblichen Heiligen. Sie werden von vielen Pilgern besucht.

Die Nassirija Bruderschaft
Tamegroute ist seit dem 11.Jahrhunder ein religiöses Zentrum. Eine erste religiöse Schule gab es bereits im 16.Jahrhundert. Ein gewisser Abu Hafs Umar Ben Ahmed al-Ansari war um 1575 ein bekannter Lehrer. Die Zawiya der Nassirija Sufi-Bruderschaft wurde allerdings erst im 17.Jahrhundert gegründet. Abou Abdallah Mohammed Ben M’Hamed Ben Nacer gilt als Gründer. Die Leitung der Schule wurde quasi vererbt, immer vom Vater auf den Sohn. Angeblich ohne Unterbrechung bis in die Gegenwart.
Abou Abdallah Mohammed Ben M’Hamed Ben Nacer war Theologe, Gelehrter und Arzt. Sein besonderes Interesse galt psychischen Störungen. Er sammelte außerdem Schriften zur Figh (islamisches Recht), Gedichte, Hunderte von Briefen und Abhandlungen zur Rechtsprechung. Er folgte und erweiterte die Lehre Shadhili’s und unter seiner Führung wurde die Nassirija die „Mutterschule“ des Sufi-Islam im Maghreb. Es gab viele Niederlassungen in ganz Marokko, die größte war die Irazan Schule im Souss Tal mit etwa 500 Schülern.

Ahmad der Reisende und Sammler vieler Bücher
Sein Sohn und Nachfolger Ahmad (1647-1717) unternahm sechs Pilgerfahrten nach Mekka und blieb mehrere Jahre in Saudi Arabien. Er bereiste auch Äthiopien, Ägypten, den Irak und Persien. Während seiner Reisen gründete er mehrere Niederlassungen der Sufi-Bruderschaft und er schrieb Reiseberichte. Außerdem brachte er von all seinen Reisen Bücher und Handschriften mit. Als Ahmad starb, war die Bibliothek von Tamegroute eine der umfangreichsten in Nordafrika. Man findet hier einen handgeschrieben Koran aus dem 14.Jahrhunder in Kufi und Schriften von Avicenna (Ibn Sina) und Averroes aber auch eine Übersetzung des Pythagoras sowie Abhandlungen über Astronomie, Geografie und Pharmakologie.
Später spielten die Scheichs der Sufi-Bruderschaft auch eine wichtige Rolle als religiöse und kulturelle Lehrer des Sufismus. Im 19.Jahrhunder wurde Scheich Abu Bekr im Westen bekannt durch seine Begegnungen mit den Reisenden Gerhard Rholfs und Charles de Foucauld.

Zagora
Die Stadt liegt etwa 160 Kilometer südöstlich von Quarzazate am Westufer des Draa an einem Ausläufer der Hamada (Steinwüste) am Fuß des 974 Meter hohen Jbel Zagora. Es ist das Verwaltungszentrum des Vallee du Draa und ein wichtiger Markt am Rand der großen Palmenoasen von Ternata und Fezouata, die zusammen 143 Ksur umfassen. Agrar-und Handwerksprodukte (Keramik und Leder) werden hier gegen die Waren der Nomaden getauscht (Vieh, Häute, Wolle, Silberschmuck). Zagora ist immer noch eine wichtige Garnisonsstadt mit Kasernen und Wohnquartieren für die Angehörigen der Soldaten.
Eine militärische Tradition gibt es hier schon lange, denn schon im 11.Jahrhundert legten die Almoraviden am Jbel Zagora eine erste Festung an. Diese diente der Überwachung der Karawanenwege. An die ehemalige Karawanenstation Zagora erinnert ein Schild am Ende des Boulevard Mohammed V. Richtung Tamegroute. Auf dem Schild steht „Tombouctou 52 Jours“. Das war die Reisezeit, die eine Kamelkarawane nach Timbuktu brauchte. Die Stadt im heutigen Mali war Ausgangs-und Endpunkt des Karawanenhandels in der Sahelzone.

Zagora hat heute etwa 45.000 Einwohner über seine Geschichte ist nicht viel mehr bekannt als dass es früher Tazagourt hieß und die Almoraviden eine Festung am Berg erbauten. Erst in der französischen Protektoratszeit und nach der Unabhängigkeit Marokkos (1956) entwickelte sich der Ort zu seiner heutigen Größe. Es gibt auch nicht viel zu sehen, wenn man dem Boulevard Mohammed V. entlang gegangen ist, dann hat man die Stadt gesehen.

