Moulay Idris Zerhoun ist heute eine Stadt mit etwa 10.000 Einwohner in der Nähe von Volubilis. Für viele Muslime ist die Stadt ein heiliger Ort, der lange nicht von Ausländern betreten werden durfte. Heute gilt das nur noch für die Moschee und die Zawiya, denn hier ist Idris I. begraben und er ist nicht nur ein „Heiliger Mann“ sondern er gilt auch als Gründer von Marokko. Idris ist immerhin in direkter Linie mit dem Propheten verwandt. Genealogie und Abstammung spielt in der islamischen Welt eine große Rolle. Man muss also quasi bei Adam und Eva anfangen um zu verstehen was Idris so besonders machte.

Wer war Idris?
Idris ibn Abdallah war im 8.Jahrhundert der erste Herrscher der Idrisiden. Er ist ein Nachkomme von Ali ibn Talib, dem Cousin und Schwiegersohn des Propheten Mohammed. Nach einer Revolte der Aliden gegen die Abbasiden musste er aus Medina fliehen. Über Ägypten kam er schließlich nach Marokko und missionierte die Auraba Berber. Sie akzeptierten ihn als Imam (Lehrer). Er hat vermutlich Einigkeit und Recht zu den Berbern gebracht und er war auch militärisch erfolgreich. 789 erobert er Agadir bei Tlemcen (Algerien) und besiegt die Banu Ifran. Es gelingt ihm ein Bündnis mit den Magrawa Berbern auszuhandel und 789 gründet er beim heutigen Fes ein befestigtes Heerlager.
791 wird er, vermutlich im Auftrag der Abbasiden (Kalif Harun ar-Raschid), vergiftet. Er erlebt die Geburt seines Sohnes, Idris II., nicht mehr. Man bestattet ihn in „Walili“, dem heutigen Moulay Idris Zerhoun. Als Idris II. 803 volljährig ist und die Herrschaft übernimmt, setzt er das Werk seines Vaters fort. Er baut den Idrisiden-Staat auf. Die Idirisiden-Dynastie ist daher von zentraler Bedeutung für die frühe Islamisierung Marokkos und die Gründung eines ersten „echten“ islamischen Staates. Idris II. macht schließlich Fes zu seiner Hauptstadt.

Zurück zu Adam und Eva oder wenigstens bis zu Abraham
Um zu verstehen warum Idris so verehrt wird, muss man verstehen wie wichtig Genealogie für Stämme ist. Denn da sind sich die Araber und die Berber sehr ähnlich, als Stamm ist ihnen Abstammung quasi „heilig“ und per Abstammung war Idris ein bedeutender Mann. Er gehört in die Linie der „Aliden“, denn er ist verwandt mit Ali, dem Cousin und Schwager von Mohammed. Über seinen Urgroßvater al-Hasan gehört er zu den Hasaniden. Ali der Schwager des Propheten und Mohammed der Prophet sind miteinander verwandt. Abd al Muttalib ist ihr Großvater und der wiederum ist der Sohn von Haschim, dem Stammesgründer.
Mohammed der Prophet wiederum wird im Islam via Ismael von Abraham abgeleitet. Jener Abraham der laut Bibel das Volk Israels in Gelobte Land führte. Die traditionelle Kette der Vorfahren Mohammeds lautet: Sohn von Abdullah, Sohn von Abd al-Muttalib, Sohn von Haschim, Sohn von Abd Manaf, Sohn von Qusayy, Sohn von Kilab, Sohn von Murra, Sohn von Kaʿb, Sohn von Luʾayy, Sohn von Ghalib, Sohn von Fihr, Sohn von Malik, Sohn von al-Nadr, Sohn von Kinana, Sohn von Khuzaima, Sohn von Mudrika, Sohn von Ilyas, Sohn von Mudar, Sohn von Nizar, Sohn von Maʿadd, Sohn von Adnan.
Bei Abraham sind alle drei Bücher einer Meinung
Von Adnan führt die Überlieferung die Linie zurück bis zum Propheten Ismael (dem Sohn von Abraham) und Abraham selbst. Dadurch ist Mohammed ein Nachkomme derselben prophetischen Familie die in der Bibel erwähnt wird. Bei Abraham und Ismael sind sich Thora, Bibel und Koran einig. Daher werden die Anhänger dieser drei Religionen als „Menschen des Buches“ bezeichnet. Das erklärt die relative Toleranz der Muslime gegenüber Juden und Christen. Heiden wurden im Allgemeinen missioniert oder verfolgt.

Das erste Schisma im Islam kommt schnell
Nach dem Tod Mohammeds im Jahr 632 setzten seine Nachfolger die Expansion des Islam fort. Diese erste Zeit der „vier rechtsgeleiteten Kalifen“ wird als fromme und gute, weil gerechte Zeit erinnert. Allerdings verlief die Nachfolge Mohammeds keineswegs friedlich sondern führte vielmehr zur ersten Spaltung der muslimischen Gemeinschaft. Mohammed hinterließ weder einen Sohn, noch traf er Regelungen für seine Nachfolge. Ali sein Cousin war „nur“ der adoptierte Schwiegersohn. Damals eine gängige Praxis wenn ein eigener männlicher Nachkomme nicht verfügbar war.
Die ersten Kalifen – Abu Bakr, Umar, Uthman und Ali – stammten aus dem engen Umfeld Mohammeds. Mit dem gewaltsamen Tod Uthmans brachen massive Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Parteien aus: Während eine Gruppe, die Schiiten, Mohammeds Schwiegersohn Ali als den rechtmäßigen Nachfolger Mohammeds favorisierten, bildete sich unter Mu’awiya, ein Nachkomme Uthmans, in Damaskus eine Gegenkalifat. Das ist das erste Kalifat der Umayyaden, die später von den Abbasiden vertrieben werden und in den Maghreb gehen.

661 n. Chr. wurde Ali ermodet und Mu’awiya übernahm die alleinige Herrschaft. Damit war das Schisma besiegelt. Die Schiiten erkannten die Herrschaft Mu’awiyas und der Umayyaden auch nach Alis Tod nicht an, sondern forderten, einen Nachfahren Alis in das Kalifenamt einzusetzen. Das mündet in die Schlacht von Kerbala (Kamelschlacht) im Jahr 680, in der Hussein, ein Sohn Alis, ums Leben kam. Mit den Umayyaden übernahm 661 n. Chr. die erste Kalifendynastie die Macht. Von Damaskus aus regierten sie fast 100 Jahre das Arabische Reich. Unter ihrer Herrschaft dehnte sich die islamische Herrschaftssphäre über die Iberische Halbinsel bis an die Grenzen des Frankenreiches aus. Im Osten expandierte der Islam bis nach Indien.

Unter den Abbasiden zur Weltreligion
Mit der Abbasiden-Dynastie verlagerte sich Mitte des 8. Jahrhunderts das Machtzentrum von Damaskus nach Bagdad. Von hier regierten die Abbasiden die islamische Welt über 500 Jahre. Unter den Abbasiden wurde die islamische Welt in kultureller und politischer Hinsicht komplexer und heterogener. Sprachliche und kulturelle Einflüsse kamen nun auch aus dem Iran und von den Berbern Nordafrikas. So verlor der Islam allmählich seinen rein arabischen Charakter und entwickelte sich zur Weltreligion.
In politischer Hinsicht fragmentierte sich die Gemeinschaft der Muslime. Das Kalifat von Bagdad konnte zwar die Macht bis zur mongolischen Invasion im Jahr 1258 halten, allerdings gelang es zum Beispiel den Umayyaden, auf der Iberischen Halbinsel und in Nordafrika ein Gegenkalifat zu etablieren. Lokale Sultanate erlangten ebenfalls Bedeutung. Besonders einflussreich waren die Fatimiden im heutigen Ägypten, die Seldschuken und Ayyubiden im Nahen Osten und die Idrissiden und Almohaden in Nordafrika.

Die Schiiten und die Sunniten
Mit dem Tod von Ali ibn Abi Talib, dem vierten rechtgeleiteten Kalifen, passiert das Schisma. Während die Sunniten das Kalifat anerkennen, etablierten die Schiiten ein Imamat mit Ali als erstem Imam. Die ersten drei Kalifen gelten für Schiiten nicht als rechtmäßige Nachfolger des Propheten. Nach schiitischem Glauben war Ali dessen engster Vertrauter und damit sein einzig mögliche Nachfolger. Der Zusatz „wa-Ali wali-llah“ (und Ali ist der Freund, der Bevollmächtigte Allahs) in der schiitischen Version der Schahada (Glaubensbekenntnis) bekräftigt das. Aus ihrer Sicht müssen die Imame in direkter Linie von Ali und seiner Frau, der Prophetentochter Fatima – und damit von Mohammed selbst – abstammen.
Der Begriff „Sunniten leitet sich von „Ahl as-Sunna wa-l-Dschama’a“ (die Angehörigen der Tradition und der Gemeinschaft) ab. Das Wort „Sunna“ bedeutet wörtlich „Tradition, Brauch“ und meint im religiösen Sinn die Überlieferung von Aussprüchen und vorbildhaften Taten des Propheten, die in der Hadith gesammelt sind. Im 8. und 9.Jahrhundert bildeten sich vier verschiedene, sunnitische Rechtsschulen heraus: Hanefiten, Malikiten, Shafiiten und Hanbaliten. Die Al-Azhar ist seit 989 Universität. Sie ist weltweit die zweitältesten ununterbrochen betriebenen Universität nach der Al-Qarawiyin in Fes. Sie war lange die führende Institution in der islamischen Welt für das Studium von sunnitischer Theologie und Scharia (Rechtsprechung).

Die Aliden
Die Aliden sind die Nachkommen von Ali ibn Abi Talib, dem Cousin und Schwiegersohn Mohammeds. Einige von ihnen werden von den Schiiten als Imame verehrt. Allerdings hatten nicht alle Aliden eine schiitische Ausrichtung. Einige von ihnen waren Gelehrte an sunnitischen Rechtsschulen. Während der Umayyaden und der frühen Abbasidenzeit rebellierten sie mehrmals gegen das sunnitische Kalifat. Die hasanidischen und husainidischen Aliden sehen sich als direkte Nachkommen (Blutlinie) des Propheten und damit als Sharif. Sie bilden eine Art religiösen Erbadel in der muslimischen Gesellschaft.
Es gibt einige Dynastien, die für sich den alidischen Stammbaum beanspruchen. Es gib zwei Gruppen – die Hasaniden und die Husainiden. Je nachdem von welchem Sohn Alis sie sich ableiten. Zu den Hasaniden gehören die Idrisiden, die Saadier und die Alawiden in Marokko. Die Hammudiden in Andalusien, die Sulaimaniden in Mekka und im Jemen, die Scherifen von Mekka, deren Nachkommen, die Haschemiten noch heute Jordanien regieren und die zaiditischen Imame des Jemen. Zu den Husainiden gehören die Fatimiden in Tunesien und Ägypten sowie die Safawiden im Iran.

