An diesem Tag verlässt man die Berge und erreicht über den Col du Kerdous die Küste um dann wieder landeinwärts nach Marrakech zu fahren und das Wohnzimmer der Stadt, die Jemaa el Fna zu besuchen. Es sind sehr unterschiedliche Welten, die man passiert. Da ist am Morgen noch die Granitlandschaft des Tal der Ammeln und am Vormittag der Col du Kerdus über den man den Antiatlas verlässt. Mit der Silberstadt Tiznit erreicht man zu Mittag die Küstenregion, da wo früher die großen Karawanen ihre Umschlagplätze hatten. Landeinwärts fährt man anschließend in das Wohnzimmer von Marrakech, der Jemaa el Fna, die man am Abend erreicht.

Col du Kerdous
Der Pass mit seinem großen Hotel, das einmal eine Kasbah war ist schön. Man überquert hier auf 1.100 Metern den zentralen Antiatlas. Oberhalb des Passes, auf etwa 1.218 Metern Höhe liegt der Ort Kerdous. Hier lebte von 1915 bis 1919 der „Sultan von Kerdous“, Ahmed al-Hiba. Er wurde bekannt aufgrund seines Widerstandes gegen die Franzosen. Man hatte ihn, zuerst in Tiznit, dann 1912 in Marrakech zum Sultan ausgerufen. Er wurde bekannt als er zu Beginn der Protektoratszeit zum Dschihad gegen die Franzosen aufrief. Sein Grab liegt in diesem Kleinen Dorf, oberhalb des Kerdous Pass.
Die Berber die in diesem Dorf leben gehören zum Stamm der Ida Ou Baaqil. Während seines Aufentalts in Kerdous wohnte Moulay Ahmed el Hiba als Gast im Haus des Addi Ou Ahmed. Die Franzosen haben deswegen den Ort mehrfach bombardiert. 1917 um Ahmed al Hiba zu töten und 1934 um seinen Bruder zu eliminieren.

Ahmed al Hiba
Moulay Ahmed al-Hiba wurde 1876 geboren und starb 1919 in Kerdous mit nur 43 Jahren. Er war einer der großen Anführer des bewaffneten Wiederstandes gegen die Franzosen zu Beginn des 20.Jahrhunderts. El Hiba stammte aus der Familie Ahl Taleb al-Mukhtar, einer Familie die sich über Idris I. von Ali ibn Abi Taleb ableitet und damit Cherifen sind. Er selbst war der Sohn von Ma el Ainin. Dieser war der zwölfte von achtundvierzig Söhnen des Muhammad Fadil ben Mamin, dem Gründer der Fadiliyya Sufis.
1912 unterzeichnete Moulay Abd el Hafid den Vertrag von Fes. Das französische Protektorat begann in Marokko. El Hiba war der Ansicht, dass damit der Sultan sein Amt aufgegeben hatte und rief sich selbst zum Amir Al Mujahedin aus und machte sich zum Sultan von Tiznit. Nach einem erfolgreichen Aufstand im Süden wurde El Hiba von den Stämmen der Regionen Tiznit, Tafraout und Taroudant sowie der Stämme des westlichen Antiatlas und der Regionen Draa und Dades als Sultan anerkannt. 1912 zieht er in Marrakech ein und lässt sich auch hier zum Sultan ausrufen.

Die entscheidende Schlacht gegen die Franzosen fand am 6.September 1912 bei Sidi Bou Othmane bei Marrakech statt. Al Hiba wurde geschlagen. Die Franzosen unter Oberst Charles Mangin kämpften mit senegalesischen Hilfstruppen. 2.000 Stammeskrieger von El Hiba wurden getötet. 1913 wurden die letzten Truppen El Hibas von Thami El Glaoui bei Taroudant aufgerieben und er flüchtete nach Kerdous. Er fand hier Zuflucht aber der Aufstand war verloren.

Tiznit die Silberstadt
Die auf nur noch 250 Metern gelegene Stadt ist relativ groß, Tiznit hat etwa 90.000 Einwohner und ist Verwaltungsort der gleichnamigen Provinz. Sie ist nicht ganz 100 Kilometer von Agadir entfernt und liegt in den westlichen Ausläufern des Antiatlas und am von der Stadt nur 15 Kilometer entfernten Atlantik. Zwischen Tiznit und Marrakech liegen noch 320 Kilometer. Tiznit ist bekannt als Silberstadt und früher wurden hier auch Waffen geschmiedet. Sein älterer Teil, rund um die große Moschee, ist im Stil der Wüstenorte errichtet. Der Silbersouq ist sehenswert.
Tiznit wurde 1882 als Festung (Kasbah) unter Moulay el Hassan gegründet, um seinen Machtanspruch in diesem südlichen Randgebiet Marokkos zu sichern. Aus dieser Zeit stammt auch die (restaurierte) Stadtmauer. Aus der Festung wurde schnell ein wichtiger Handelsplatz, wo Nomaden und Sesshafte einen regen Markt betrieben. 1912 ließ sich hier El Hiba zum Sultan ausrufen. Im selben Jahr besetzten französische Truppen Tiznit und machten daraus eine Garnisonsstadt und das ist sie geblieben. Die hier stationierten Truppen sichern heute das Grenzgebiet der Westsahara.

Sehenswertes in Tiznit
Die Place du Mechouar mit ihren Arkaden ist die Schnittstelle zwischen der alten Medina und der Ville Nouvelle. Der alte Stadtkern von Tiznit wurde von einer 5 Kilometer langen Lehmmauer umgeben die sechs Stadttore und 62 Bastionen hatte, nicht alles aber einiges ist davon erhalten. Hinter dem Platz liegt das Mausoleum von Ma El Ainin, dem Vater von El-Hiba. Tiznit ist bekannt für Silberschmuck. Die meisten dieser Silberschmiede sind in einer Kooperative organisiert, die ihr Silber aus den Minen von Askoun bezieht. Viele Juweliere sind um 1980 von der alten Kissaria des Bijoutiers, dem alten Silber-Souq, auf die Place du Mechouar umgezogen.
Die Läden hier haben den für Tiznit typischen Schmuck, die dreieckigen Hochzeitsfibeln aus Silber mit Emaileinlegearbeit. Es gibt auch Filigran-Arbeiten und getriebene Silberarbeiten. Gold- und Silberschmuck ist in Marokko vor allem bei Hochzeiten von großer Bedeutung, wobei die im Norden lebenden Araber traditionell Goldschmuck, die Berber des Südens hingegen Silberschmuck bevorzugten.

Der älteste Bereich von Tiznit liegt rund um die große Moschee. Sie ist nicht superalt, denn sie stammt aus der Zeit zu Beginn des 20.Jahrhunderts aber sie ist im traditionellen Stil errichtet. Nicht weit von der Moschee befindet sich Ain Zerka, la Source bleue, die Blaue Quelle, eine aus der Zeit gegen Ende des 19.Jahrhunderts errichtete Brunnenanlage. Die Legende allerdings erzählt, dass der „Brunnen der Lalla Fatima“ schon vor 1.500 Jahren existiert haben soll. Gegenüber liegt die Kasbah Aghanaj aus dem 19.Jahrhundert mit ihren fünf Türmen. Sie wurde in den letzten Jahren vom Studio Salima Naji renoviert und das Projekt wurde mit dem von Abu Dhabi vergebenen Terra Landscape Architectural Award ausgezeichnet.

Marrakech und die Jemaa el Fna
Etwa 400 Meter östlich der Koutoubia liegt der bekannteste Platz von Marrakech. die Jemaa el Fna, der „Platz der Toten“. Der Name bezieht sich vielleicht darauf, dass hier früher der Gerichtsplatz war auf dem man die Köpfe der Hingerichteten auf Stangen aufgespießt ausstellte. 1547 ließ Abou Abas hier einen Fondouk für christliche Kaufleute errichten. 300 Jahre später flog der Platz in die Luft, denn ein hier befindliches Munitionslager explodierte. Heute ist es quasi das Wohnzimmer der Stadt Marrakech mit vielen Cafes von deren Terrassen man einen tollen Blick auf das Leben und Treiben am Platz hat. Am Abend ist hier viel los.

Der Name „Jemaa el Fna“
Meist wird den Touristen die Geschichte um die Hinrichtungen und der damit verbundenen Namensgebung der Jemaa el Fna erzählt aber es gibt auch eine andere Erklärung: Historiker meinen, dass der Saadier-Sultan Ahmad al-Mansur (1578-1603) hier mit dem Bau einer riesigen Freitagsmoschee begann. Dann brach aber die Pest aus und die Staatskasse war leer. Er musste das Bauprojekt einstellen. Die Moschee blieb unvollendet und verfiel. Die Ruinen dürften noch im 19.Jahrhunder hier gestanden haben und zwar da, wo sich heute der Souk Jdid befindet.
Damit würde sich der Name „Jamaa al Fna“ auf diese Ruinenmoschee beziehen. Der Name „Jamaa al-Fna“ taucht zum ersten Mal in historischen Aufzeichnungen in der Chronik des westafrikanischen Historikers Abderrahman as-Saidi aus dem 17.Jahrhundert auf. As-Sa’idi behauptete, dass der beabsichtigte Name der unvollendeten Moschee von Al Mansur „Jamma al-Hna“ (Moschee der Ruhe) gewesen sei. Als sie zerstört wurde hätte man sie umgedeutet in „Jamaa al-Fna“ (Moschee der Vernichtung/des Todes). Dieses Wortspiel von „Hna“ (Ruhe) und „Fna“ (Tod/Vernichtung) habe zur Namensgebung des Platzes geführt.

Die Jemaa el Fna im Kontext der Geschichte von Marrakech
Marrakech wurde 1070 in der Zeit der Almoraviden-Dynastie von Abu Bakr ibn Umar gegründet und von seinen Nachfolgern weiter ausgebaut. Das damalige Zentrum lag bei der Festung Ksar el-Hajjar (Steinfestung) und der ersten Freitagsmoschee der Stadt (dort wo heute die Ben-Youssef Moschee steht). Die Steinfestung lag nahe der heutigen Koutoubia Moschee. Der Souk entwickelte sich zwischen diesen beiden Orten. Neben der Steinfestung war eine große freie Fläche, der „Rabat al-Ksar“ (Ort der Festung) für Wochenmärkte.
Der almoravidische Emir Ali Ibn Yusuf errichtete im 12.Jahrhundert nahe der Steinfestung einen Palast. Dort steht heute die Koutoubia Moschee. Der Palast soll ein großes Steintor gehabt haben das auf den Rabat al-Ksar ausgerichtet war. Möglicherweise wurde hier das öffentliche Gericht abgehalten. Das würde dafür sprechen, dass die Jemaa el Fna der Platz der Hinrichtungen zu dieser Zeit war. 1147 fällt Marrakech an die Almohaden und die errichten an der Stelle des Palastes die Koutoubia Moschee.

Die Jemaa el Fna zur Zeit der Saadier bis zur Neuzeit
Bei allen Umgestaltungen von Marrakech blieb die Jemaa el Fna immer ein freier Platz, es blieb der Ort wo Wochenmarkt und öffentliche Veranstaltungen abgehalten wurden. Nur der Saadier Ahmad al-Mansur wollte den Platz für den Bau einer monumentalen Moschee nutzen, die aber nie fertig gebaut wurde. Deren spätere Ruinen vielleicht dem Platz seinen Namen gaben. 1864 flog der Platz wegen Fahrlässigkeit in die Luft. Ein Brand in einem Funduq (Handelslager) entzündete 500 Quintal (50.000 Kilo oder 25.000 Kilo je nach Umrechnung des Quintal) Schießpulver, die dort gelagert wurden. 300 Menschen sollen damals gestorben sein.
Die Jemaa el Fna war vieles, Ort öffentlicher Hinrichtungen, Wochenmarkt, Fantasias wurde hier abgehalten, und Gaukler und Geschichtenerzähler haben hier das Publikum unterhalten. 1922 verordnete die französische Verwaltung das erste Gesetz zum Schutz des Platzes. 2001 erklärte ihn die UNESCO zum immateriellen Kulturerbe, seit 2008 ist die Jemaa el Fna offiziell gelistet. Im Mai 2025 wurden 17 Millionen Euro für die Renovierung des Platzes bewilligt. Weder das Bomben-Attentat 2001, noch das Erdbeben 2023 konnten die Menschen von diesem Platz fernhalten. Er ist wuselig wie eh und je.

Je nach Uhrzeit ändert sich das Angebot auf der Jemaa el Fna
Tagsüber findet man hier die Orangensaftverkäufer die frisch gepressten Orangensaft anbieten und die Wasserverkäufer die heute eher Fotomotiv für Touristen geworden sind sowie die Gaukler mit den Affen und die Schlangenbeschwörer. Es ist eigentlich verboten Makaken dazu zu zwingen für Touristen zu tanzen aber man hält sich hier nicht wirklich daran. Am Abend kommen die Geschichtenerzähler, die Magier und die Händler traditioneller Medizin. Wenn es dunkel wird, machen die Fressbuden auf und viele Menschen kommen in das Wohnzimmer von Marrakech.

