Von Zagora nach Tata

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Verlässt man Zagora und fährt Richtung Foum Zguid dann erreicht man das „Tor zur Wüste“. Der Ort ist bekannt als Etappenpunkt für Auto- und Motorradrallyes, denn er liegt auf der alten Route der Rallye Paris-Dakar. 2006 führte die Route von Lissabon über Spanien, Marokko, West-Sahara, Mauretanien, Mali, Guinea und Senegal zum Zielort Dakar. 2026 fand die Rally in Saudi Arabien statt. In Tissint begegnet man Charles de Foucauld, dem Bruder Karl von Jesus, den Papst Franziskus 2022 heilig gesprochen hat. Entlang des Tghit Canyon erreicht man schließlich nach 270 Kilometern die Oase Tata.

Grün gibt es nur in den Oasen

Foum Zguid

Foum Zguid ist ein guter Platz zum Mittagessen, wenn man von Zagora kommt. Es liegt noch 140 km vor (östlich) Tata und ist ein netter kleiner Ort auf etwa 650 Meter Höhe, der für viele Individualreisende der Ausgangspunkt für Ausflüge in den Süden der Region Souss Massa ist. Die 9.000 Einwohner Stadt wurde hier gebaut, weil sich da die einzige leichte Passage über den Jbel Bani befindet. Der Berg wiederum ist die natürliche Grenze zwischen dem Antiatlas und der Wüste. Als die Rally Paris-Dakar noch in Afrika gefahren wurde, war Foum Zguid ein Etappenort. Die Bewohner sind Berber, die aus den umliegenden Dörfern eingewandert sind.

Bevor die Piste von Guelmin über Akka nach Tata und weiter nach Quarzazate in der französischen Protektoratszeit angelegt wurde gab es hier nur Subsistenzwirtschaft. Die Menschen waren Selbstversorger, denn eine Straße um Waren zu transportieren gab es nicht. Abgesehen von den durchziehenden Karawanen, die hier eine Pause einlegten, gab es keinen Warenverkehr. Mit den Franzosen kamen auch neue Gemüsepflanzen in die Oase (Paradeiser, Erdäpfel). Landwirtschaft ist heute noch der wichtigste Wirtschaftszweig. Man erntet Datteln, Oliven, Granatäpfel und Feigen. Getreide (Gerste, Weizen und Mais) wird eher für die Selbstversorgung angebaut. Neben der Landwirtschaft gibt es etwas Handwerk und Handel und auch der Tourismus ist eine Einnahmequelle geworden.

Foum Zguid

Wüste ohne Dromedar ging früher nicht

In Marokko gibt es keine Kamele, hier wird nur das einhöckrige Kamel, also das Dromedar gezüchtet. Die Römer haben diesen Paarhufer im 2.Jahrhundert aus dem Vorderen Orient nach Nordafrika gebracht. Damit wurde der transsaharische Handelsverkehr überhaupt erst möglich. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts lebten noch etwa 200.000 Dromedare in Marokko, nach einer Dürreperiode 1988 waren es nur noch 70.000 und 1999 erholte sich der Bestand wieder auf 150.000 Tiere. Eine aktuelle Zahl gibt es nicht. Die Zeit der großen Karawanen ist vorbei, heute durchschneiden Straßen die Wüste und Lastwagen transportieren die Waren.

Das Dromedar war nie nur Lasttier, es wurde als Milchlieferant gehalten und auch Kamelfleisch wird gerne gegessen. Wolle und Haut wurden ebenfalls verarbeitet und gehandelt. Außerdem ist das Dromedar Teil der Identität, zumindest bei Nomaden. Selbst wenn vormals nomadisch lebende Berber aus dem Süden sesshaft werden, Handel treiben oder vielleicht im Büro arbeiten, ihre Dromedare geben sie nicht auf. Sie vertrauen sie Hirtennomaden an aber sie besitzen sie weiterhin. Im Tourismus haben Dromedare heute eine gute Chance auf einen Arbeitsplatz. Kameltrekking oder wenigstens ein Foto am Kamel, das wollen viele Touristen, die nach Marokko kommen.

Dromedar für Touristen an den Dünen

Das „Wüstenschiff“

Der Begriff wurde vermutlich im Orient geprägt. Er ist treffend: Der ausdauernde und genügsame Schwielensohler legt bis zu 40 Kilometer pro Tag in der Wüste zurück und das tut er im Passgang. Es schaukelt wie ein Schiff auf rauer See. Manchen Touristen beschert das beim Kameltrekking die Erfahrung der Kinetose, der Seekrankheit. Das maximale Ladegewicht bei einem Kamel liegt bei 250 Kilo. Die Vorfahren der heutigen Dromedare haben das von Timbuktu bis Zagora in 52 Tagen geschleppt. Ihre heutigen Nachkommen müssen nicht mehr so schwer tragen, die meisten Touristen liegen so zwischen 50 und 100 Kilo und sie halten nicht sehr lange durch, also die Touristen.

Dromedare sind unheimlich gut angepasst an ihr heißes und trockenes Habitat. Wenn sie keine Lasten tragen können sie bis zu 17 Tage ohne Wasser auskommen. Sie verlieren dann zwar etwa 25% ihre Körpergewichts aber sie regenerieren unheimlich schnell. An einer Wasserstelle können sie problemlos 135 Liter Wasser schlabbern und sind wieder fit wie ein Turnschuh. Auch Futter kann in der Wüste rar sein, dafür hat das Dromedar seinen Höcker also quasi seinen Vorratsspeicher am Rücken. Wirklich freundlich sind sie nicht. Ilija Trojanow hat das in seinem Buch „Der Weltensammler“ gut auf den Punkt gebracht:

Dromedare sind meist stur und mürrisch

Auf Reisen wie dieser war jeder oft allein mit sich selbst und mit seinem Dromedar, diesem mürrischen, widerspenstigen Tier, dessen einzige freundliche Geste aus einem gelegentlichen Furz bestand. Sheikh Abdullah feindete sich umgehend mit seinem Dromedar an, das seinem Ruf als geduldigem Wesen widersprach. Es war bösartig, unbeherrschbar, manchmal sogar gefährlich. Es misstraute allem Unbekannten, und die Laute, die es von sich gab, ob das schnaubende Stöhnen oder das teils wehleidige, teils verdrießliche Blöken, waren unerträglich. Es beschwerte sich über jedes Kilo, das ihm aufgeladen wurde. Am ersten Abend richtete Sheikh Abdullah einige abfällige Bemerkungen über das Reittier an den Tiertreiber. Sie können doch gut mit Menschen umgehen, Sheikh, antwortete ihm dieser, Dromedare sind nicht anders als Menschen. Wenn sie jung sind, wissen sie nicht, wie sie sich zu benehmen haben. Als Erwachsene sind sie gewalttätig und unkontrollierbar, in der Brunftzeit, da wittert das Männchen ein williges Weibchen aus zehn Kilometer Entfernung, da wird es bockig, seine Zunge bibbert. Und mit dem Alter werden sie zänkisch, rachsüchtig und verdrossen.

Man sollte nie ein Dromedar ärgern

Tissint und Charles de Foucauld

Tissint hat etwa 10.000 Einwohner, fast ausschließlich Berber. Die kleine Stadt liegt auf 580 Metern Höhe im Tal des hier meist ausgetrockneten Oued Draa am Rand des 1.500 Meter hohen Jbel Bani, dem südlichsten Ausläufer des Antiatlas. Der Ort kam 2011 in die Schlagzeilen als am 18.Juli dieses Jahres ein Meteoriteneinschlag stattfand. Die Nomaden fanden, etwa 50 Kilometer von Tissint entfernt, mit Fusion verkrustete Steine am El Ga’idat Plateau an einem Ort namens Hmadat Bou Rba’ine.

Die Stadt hat keine besonderen Sehenswürdigkeiten. Der alte Ksar zerkrümmelt und ist kaum noch bewohnt und am östlichen Ortsrand befinden sich die „Cascades Attiq“, ein kleiner Wasserfall der von Salzquellen gespeist wird. Sie ist aber mit einem berühmten Namen verbunden – mit Charles de Foucauld, der 2022 von Papst Franziskus heilig gesprochen wurde. Im Frühjahr lebte der französische Forscher und spätere Priester und Einsiedler einige Monate unter falschem Namen bei einer jüdischen Familie in Tissint.

Tissint

Charles de Foucauld

Er wurde 1858 als Charles Eugene Vicomte de Foucauld de Pontbriand in Straßburg geboren und starb als Charles de Jesus 1916 in Tamanrasset in Algerien. Foucauld erinnert ein wenig an Ignazius von Loyola, den Begründer des Jesuitenordens. Auch er war zuerst ein Mann des Militär und dann ein Mann der Kirche. Bruder Karl, wie man ihn auf Deutsch nennt, begann seine Karriere ebenfalls als Offizier (Husaren-Regiment) und wurde dann zum Reisenden und Forscher bevor er den Weg in die Kirche fand. Zuerst war er Priester, dann Mönch und schließlich Eremit. Er wurde vor seiner Klause von Senussi 1916 ermordet.

Er ist nicht vergessen, nach seinem Tod wurden elf Ordensgemeinschaften und acht weitere Gemeinschaften und Säkularinstitute in seinem Namen gegründet. In seiner ersten Lebenshälfte war er weit vom Glauben entfernt und wurde als faul, unmäßig und asozial beschrieben. Er wurde in eine der reichsten Familien Frankreichs hineingeboren, trotzdem flog er von der Schule und später fast auch von der Militärakademie. Während der zweijährigen Offiziersausbildung in Saint-Cyr wurden ihm 45 Strafen wegen Ungehorsams aufgebrummt.

Charles de Foucauld

Offizier und Forscher

Nach der Militärschule tritt Foucauld 1878 in das 4.Husarenregiment in Saumur ein. 1880 schickt man ihn nach Algerien, wo er ein Jahr später wegen anstößigen Benehmens und Ungehorsams unehrenhaft entlassen wird. Er hatte nämlich seine Geliebte, eine Prostituierte namens Mimi, nach Algerien mitgenommen, was zum Rausschmiss führte. Anschließend reisten Foucauld und Mimi drei Monate durch das Land, dann las er in der Zeitung von einem Aufstand, verließ Mimi und ließ sich als Soldat reaktivieren. Er kämpfte tapfer und wurde nun vom Militär geachtet und anerkannt.

Seine Zeit als Soldat in Algerien brachte ihn mit der arabischen Welt und dem Islam in Berührung und das führte zu seinem Entschluss, Marokko, Algerien und Tunesien zu erforschen. Sein Ansuchen um Studienurlaub wurde abgelehnt. 1882 verlässt er daher die Armee und lernt Hebräisch. Er lernt den Rabbiner Mordechai Abi Serur kennen, der eine ähnlich bewegte Vergangenheit hat, wie er selbst. 1883 reisen die Beiden nach Marokko. Damals war Christen die Einreise verboten aber Juden waren erlaubt, also gab sich Foucauld als Jude aus.

Foucauld war damals als russischer Jude namens „Joseph Aleman“ unterwegs. Über Fes und Meknes reisten Joseph Aleman und Rabi Mordechai weiter in den Süden Marokkos. Sie fertigten, nur mit Sextant und Kompass ausgerüstet, die ersten Kartenskizzen des Atlas Gebirges an. 1884 kehrt Foucauld nach Paris zurück. Dort schreibt er gemeinsam mit dem berühmten Saharareisenden Henri Duveyrier das Buch „Forschungsreise durch Marokko“ und wird damit berühmt. Er wird zum angesehen Forscher und pendelt ab nun zwischen Paris und Algier.

Zurück zu Gott

Seine Begegnung mit tiefgläubigen Muslimen in Nordafrika führt ihn zu Gott. 1886 wendet er sich dem katholischen Glauben wieder zu und legt vor Abbe Henri Huvelin eine Generalbeichte über sein bisheriges Leben ab. Die beiden werden Freunde und schreiben sich gegenseitig Briefe bis an ihr Lebensende. 1890 tritt Foucauld dem Orden der Trappisten bei. Er wird Bruder Marie-Alberic und geht nach Syrien. 1896 lässt er sich in das Kloster Staoueli in der Provin Algier versetzen.

Das Klosterleben ist Foucauld nicht hart genug, er will Eremit werden, zuerst lebt er als Klosterknecht der Klarissen in Nazaret und Jerusalem, dann lässt er sich mit 43 Jahren 1901 zum Priester weihen. Nach der Weihe geht er nach Beni Abbes in Algerien und errichtet eine Einsiedelei. Er betreut seelsorglich die hier stationierten Soldaten und pflegt gute Kontakte zur einheimischen Bevölkerung. 1914 übersiedelt er nach Tamanrasset und wird dort zum Vermittler zwischen den Tuareg und den Franzosen. Am Plateau des Assekrem im Ahaggar Gebirge baut er auf 2.700 Meter Höhe eine neue Einsiedelei, seine letzte.

Charles de Foucauld

Tata

Der 20.000 Einwohner Ort ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Tata. Es liegt südlich des Antiatlas auf einer Höhe von 690 Meter am Rand eines fruchtbaren Oasentals. Die nahe gelegene Grenze zu Algerien ist strittig, daher ist Tata ein wichtiger Militärstützpunkt mit Kasernen und Luftwaffenstützpunkt. Das satte Grün der bewässerten Oasen steht im Kontrast zur Trockenheit der sie umgebenden Wüste. In der Nähe von Tata hat man Petroglyphen gefunden die geschätzt zwischen 5.000 und 20.000 Jahre alt sind.

Oase mit Palmen
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