Alfred Kubin ist im Innviertel präsent. Es gibt den Kubin-Saal in Schärding, und der Name Kubin findet sich in Straßen und Wegen wieder. Außerdem gibt es eine Kubin-Galerie in Wernstein am Inn oder das Kubin-Haus in Zwickledt. In seinem Testament hat der Künstler Oberösterreich und Wien bedacht. Er vermachte seinen Nachlass zu gleichen Teilen dem Oberösterreichischen Landesmuseum in Linz und der Graphischen Sammlung Albertina in Wien.

Salzburg hat 2019 Kubin aufgegriffen und sich Werke der oberösterreichischen Sammlung geborgt. Die Ausstellung in der Kunsthalle des Salzburg Museum widmete sich den biographischen und künstlerischen Bezügen von Alfred Kubin zu Salzburg. Gezeigt wurden rund 100 Werke des österreichischen Künstlers aus der Sammlung des Oberösterreichischen Landesmuseums. In Salzburg verbrachte Kubin große Teile seiner Kindheit und Jugend, bevor er seine künstlerische Laufbahn in München einschlug. 1906 übersiedelt er nach Zwickledt in Oberösterreich, dort stirbt er nach über fünf Jahrzehnten intensiven Schaffens als Zeichner und Illustrator im August 1959.

Beitrag von HT1 über Kubin

Wer ist Kubin?

Wie der Name vermuten lässt, Alfred Kubin wurde in Böhmen geboren. 1877 gehörte Leitmeritz noch zur Donau Monarchie. Er beginnt zunächst eine Ausbildung als Fotograf, diese Lehre bricht er ab. Anschließend besucht er die Kunstakademie in München um Graphik und Malerei zu studieren, wieder wird er die Ausbildung abbrechen. Nach Studienreisen in Frankreich, Italien und auf den Balkan ließ sich Kubin auf Schloss Zwickledt in Oberösterreich nieder, wo er ab 1906 als freier Künstler arbeitete. Bekannt wurde er im Kreis der Expressionisten als Illustrator und Autor. 1909 wurde sein Roman „die andere Seite“ veröffentlicht. Alfred Kubin starb 1959 in Zwickledt.

Die andere Seite

Der Roman entsteht weil Kubin in einer zeichnerischen Schaffenskrise steckt. Das Schreiben scheint sein Weg „nach draußen“ gewesen zu sein. Zentrales Thema des Romans ist die Dualität der Welt. Kubin erzählt eine Geschichte, die Hoffnung gibt. Eine Einladung in ein Traumland verspricht das Paradies. Am Ende steht allerdings ein Überwachungsstaat. „Richtig“ und „Falsch“ gibt es in dieser fiktiven Welt nicht. Die Stadt in Kubins Reich der Fantasie heißt Perle. Angesiedelt ist sie, im ewigen Dämmerlicht liegend, irgendwo an der Seidenstraße. Von der Außenwelt durch einen Vorhang aus Wolken getrennt, folgen die Bewohnerinnen und Bewohner den Gesetzen des Multimillionärs Claus Patera, des Herrn des Traumlands.

Unter meinen Jugendbekannten war ein sonderbarer Mensch, dessen Geschichte wohl wert ist, der Vergessenheit entrissen zu werden. Ich habe mein möglichstes getan, um wenigstens einen Teil der seltsamen Vorkommnisse, die sich an den Namen Claus Patera knüpfen, wahrheitsgetreu, wie es sich für einen Augenzeugen gehört, zu schildern.

Kubin, „Die andere Seite“

Claus Patera, absoluter Herr des Traumreichs, beauftragt mich als Agenten, Ihnen die Einladung zur Übersiedelung in sein Land zu überreichen

Kubin, „Die andere Seite“

2017 wurde „Die andere Seite“ als Oper in Linz aufgeführt. Michael Obst komponierte sie auf der Grundlage von Alfred Kubins abenteuerliche Reise in eine merkwürdige Stadt auf der anderen Seite der Welt. Damit ist Kubins Traumwelt nicht nur literarisch und zeichnerisch, sondern nun auch musikalisch umgesetzt. Es ist eine Übertragung von Träumen in eine fiktive Realität, die zeigt was es bedeuten würde, wenn Träume Wirklichkeit wären.

Kubin / Buchillustration „Die andere Seite“

Kubin und das Lenbachhaus in München

Das Lenbachhaus ist eng mit dem Künstler Kandinsky und dem „Blauen Reiter“ verbunden, das ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass Kandinsky von Kubin sehr angetan war. Vergessen hat man, dass 1904 kein anderer als Kandinsky Kubin erstmals in München ausstellte. Kubin trat in die Neue Künstlervereinigung München ein. Als es zum Bruch kam und der avantgardistischer Zweig um Kandinsky und Münter unter Protest ausschied und den Blauen Reiter gründete, bekam der inzwischen verheiratete und nach Zwickledt in Oberösterreich übersiedelte Kubin umgehend per Post eine Einladung.

Museum Lenbachhaus (Wikimedia)

Das Lenbachhaus ist heute Kunstmuseum, untergebracht im Lenbachpalais, der ehemaligen Villa der „Malerfürsten“ Franz von Lenbach in der Maxvorstadt. Das Gebäude datiert ins Ende des 19.Jahrhunderts, eröffnet wurde es 1929. 2013 hat das Architekturbüro Foster den modernen Zubau entworfen. Es ist Teil des Kunstareal München in der Maxvorstadt. Hier können 18 Museen und Ausstellungshäuser sowie ungefähr 40 Galerien und sechs Hochschulen fußläufig erreicht werden. Das Museum gehört der „MuSeenLandschaft Expressionismus an. Zusammen mit dem Museum der Phantasie, dem Buchheim Museum in Bernried am Starnberger See, dem Franz Marc Museum in Kochel am See, dem Museum Penzberg und dem Schlossmuseum Murnau.

Kubin und seine „Dunkle Welt“

Die Jugend des Künstlers war eine Serie persönlicher Katastrophen. Seine Mutter starb an Schwindsucht, seine Tante und Stiefmutter im Kindbett und seine erste Freundin Emy an Typhus, Seine Schulzeit war kein durchschlagender Erfolg und die Fotografenlehre bei Onkel Alois Beer in Klagenfurt brach er ab. Nach einem erfolglosen Suizid landete Kubin in der Armee, was ihn in die Nervenheilabteilung des Garnisonsspitals Graz beförderte. Nach einer Erholungspause im väterlichen Haus in Zell am See verschlug es ihn nach München. Kubin konnte sich nie einordnen, er war ein typischer Autodidakt. Er hat nie eine Ausbildung beendet. Das Kunststudium im München brach er ab. 1899 begegnet er dem Werk Max Klingers. Das ist der Auslöser für seine erste Schaffensperiode, die bis 1903 anhielt.

Kubin / Dolmen / 1902

Inspirationen von Außen

Kubin zeichnet phantastische Traumvisionen. Es lassen sich neben Max Klinger, Einflüsse von Goya, Ensor, Redon und Munch erkennen. Auch Paul Klee, der zum Kreis des Blauen Reiter gehört, hinterlässt einen Eindruck und vielleicht noch Lyonel Feininger, den Kubin dem Blauen Reiter zuführt. Malerei interessiert Kubin nicht, er bleibt zeitlebens ein überzeugter Zeichner.

Das frühe Werk

Um 1900 entwickelt Kubin seine spezielle Technik der gespritzten, lavierten, sorgfältig ausgearbeiteten Tuschfederzeichnung. Bis 1904 entstanden so hunderte Bilder. Kubin porträtiert Visionen sexueller Angst- und Zwangsvorstellungen, Folter, Qual, Übermacht und Ausgeliefertsein, Selbstmord und Krankheit. Seine Blätter wirken wie ein Einblick in die geheimen Triebe und Ängste der Seele. Man hat ihm oft eine Nähe zu Sigmund Freud unterstellt, Kubin hat Freud allerdings erst nach seiner ersten Schaffensperiode gelesen. Die Werke sind unabhängig von Freud in seinem Kopf entstanden. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts waren die Tuschzeichnungen Kubins ein „Skandal“, das machte ihn schnell bekannt. Später illustrierte er etwa 60 Bücher, darunter die Romane von Edgar Allan Poe, Elias Canetti und Dostojewski.

Herzmanovsky-Orlando und Schmitz öffnen Kubin einige Türen

Ihm begegnet Kubin bei der Frühjahrsausstellung der Wiener Secession 1903, wo er mit 12 Bildern vertreten war. Fritz von Herzmanovsky-Orlando wird zum lebenslangen Freund. Im September dieses Jahres reisten die Beiden erstmals nach Dalmatien (Serbien). 1903 machte Kubin auch die Bekanntschaft des Schriftstellers Oscar A. H. Schmitz, der ein Jahr später sein Schwager wird. Die Zeit vom Kennenlernen bis zur Hochzeit war kurz, innerhalb weniger Wochen beschlossen Kubin und Hedwig zu heiraten, er zog in ihre geräumige Wohnung am Englischen Garten. Das junge Glück hielt allerdings nicht lange denn Kubins Frau erkrankte im Dezember 1904 an Trigeminus-Neuralgie, die der Beginn einer über 20-jährigen Morphium-Abhängigkeit wurde. Kubin hatte nun zwar Geld und ein geregeltes Leben, allerdings führt genau dieser Zustand zu seiner „Schaffenskrise“. Sie beginnt etwa mit seiner Übersiedlung in das kleine Schloss Zwickledt im Innviertel.

Kubin-Haus in Zwickledt bei Wernstein am Inn

50 Jahre Workaholic im Innviertel

Ab 1905 erlebte Alfred Kubin eine längere Schaffensblockade, die erst mit den Kleisterbildern und seinem Romans „Die Andere Seite“ endete. Kubin selbst machte dafür sein „zu geregeltes“ Sexualleben verantwortlich. In der Hoffnung auf Inspiration reist er nach Wien. Er trifft Koloman Moser. Der bringt ihm die Technik der Kleistermalerei bei. Ein Durchbruch ist das nicht, seine Ausstellung in München 1905 hat nur mäßigen Erfolg. Bis 1908 pinselt Kubin in gedämpften matten Temperafarben Bilder in der Tradition Gauguins. 1909 schreibt und illustriert er seinen Roman „Die andere Seite“ und wird dadurch zum gefragten Buchillustrator.

Die zweite Periode

Kubin gibt seine Spritztechnik auf, seine Kunst ist nun durch feinlinige Federzeichnungen charakterisiert. In diesem Stil entsteht 1911 die „Sansara“-Mappe“ im Georg Müller Verlag. Kubin ist nun 33 Jahre alt. 1911 ist auch das Jahr in dem er Paul Klee trifft. Der für Kubin wichtige künstlerischer Austausch hielt bis zum Ersten Weltkrieg an. Klee lud Kubin im Frühjahr 1912 ein, sich an einer Mappe der neu gegründeten Münchner Künstlergruppe Sema zu beteiligen in der auch Egon Schiele Mitglied war. Kubin schuf dafür seine erste Lithographie, die der Beginn seines lithographischem Schaffens wurde. Im Juni besuchte ihn Paul Klee in Zwickledt und zeigte ihm hier seine Illustrationen zu Voltaires „Candide“, die auf Kubin einen starken Einfluss ausübten.

Die „buddhistische Krise“ 1916

Mitten im Ersten Weltkrieg gelingt es Kubin seine innere Zerrissenheit zu „heilen“. Er ist untauglich, muss nicht in den Krieg ziehen. 1915 lernt er den Philosophen Salomo Friedlaender kennen. Dessen Philosophie der Schöpferischen Indifferenz wird für Kubin zu einer Leitlinie seiner weiteren Entwicklung. Als Franz Marc im Krieg stirbt erlebt Kubin seine „buddhistischen Krise“ (März 1916). Der Ausgleich der Gegensätze wird für den österreichischen Künstler zum Kernthema des nächsten Jahrzehnts. Das Kriegsende und den Zerfall der österreichischen Donau-Monarchie erlebt Kubin allein in Zwickledt. Seine Frau Hedwig musste zur Behandlung ihres Nervenleidens und ihrer Opium-Sucht in ein Sanatorium. In dem Sammelband „Von verschiedenen Ebenen“ erscheinen autobiographische Texte von Kubin.

Zurück zu den Wurzeln

Im Frühjahr 1927 kehrt Kubin besuchsweise in seine Geburtsstadt Leitmeritz zurück. Diese Wiederbegegnung beeindruckt ihn tief. Er schreibt den Aufsatz „Besuch in Leitmeritz“, der 1928 im Sudetendeutschen Jahrbuch veröffentlicht wurde. Mit Böhmen ist Kubin eng verbunden. Auf einer seiner Zeichnungen aus der Sammlung „Phantasien aus dem Böhmerwald“ vermerkte er:

Seither weiß ich, dass diese oft düstere menschenarme Landschaft die eigentliche Heimat meiner Seele ist, dass in ihr die tiefsten Wurzeln meines Wesens ruhen. Dieses Bewusstsein erfüllt mich seitdem ganz und gar, mit unwiderstehlicher Gewalt zieht es mich Jahr für Jahr in dieses Land

Phantasien aus dem Böhmerwald (Kubin)

Kubin und der Buddhismus

Der Künstler war lange Zeit auf der Suche nach sich selbst und der inneren Balance. Briefwechsel mit seinen Freunden wie Ernst Jünger; Salomo Friedländer, Richard Billinger oder Gustav Meyrink belegen das. Die philosophischen Schriften Kants eröffneten ihm zwar eine nüchterne Sichtweise der Dinge, bringen ihn aber nicht in Einklang mit sich selbst. Erst die Auseinandersetzung mit dem Buddhismus, die ihn anfangs in eine Sinnkrise stürzte, brachte ihn ans Ziel. In seiner religiösen Weltanschauung blieb Kubin zeit seines Lebens dem Buddhismus verbunden. Mit zunehmendem Alter entwickelten sich bei ihm schließlich seelische Ausgeglichenheit und innere Ruhe.

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