Shravanabelagola

Home » Shravanabelagola

Der Hügel Shravanabelagola in Karnataka ist einer der bekanntesten Wallfahrtsorte der Jains. Eine Treppe mit 614 fein in den Granit des Berges gehauenen Stufen führt zum Gipfel, wo sich ein offener Hof und die große Statue von Sri Gomatheswar befinden. Der Name – Shravanabelagola – bedeutet soviel wie „der Mönch auf dem Gipfel des Hügels“. Seit mindestens dem 3. Jahrhundert v. Chr. lebten hier Einsiedler, Mystiker und Asketen. Die Landschaft hat sich gewandelt, denn der Hügel war ursprünglich dicht bewaldet. Mitte des 10. Jahrhunderts errichtet man die ersten Tempeln auf dem Hügel. Die 17,5 Meter hohe Statue des Gomatheswara, die um 983 aus dem Granitgestein des Berges gehauen wurde stellt den auch als als Bahubali bekannten Sohn des legendären ersten Tirthankara, Rishabhanatha dar.

Vom Bautyp handelt es sich um den (im Norden unbekannten) „betta“. Das ist ein Hofbereich unter freiem Himmel auf einem Hügel mit der Statue des Gomateshvara, dem „Herr Gomata“, der bei den Jains des Nordens unbekannt ist aber im Süden große Popularität genießt. Alle drei bekannten Kolossal-Gomatas sind in Form eines „betta“ im Süden errichtet worden. Die Jain Architektur des Südens unterscheidet sich von der des Nordens insofern, als sie neben dem Typ des „basti“ (geschlossener Jain Tempel) in dem ein Tirthankara im Dunkel einer Cella steht den Typ des „betta“ kennt, die offene Hofanlage mit einem riesigen „Herrn Gomata“. Gomateshvara steht nicht in der Ahnenreihe der „Furtbereiter“ (Tirthankaras), er spielt nur bei der Sekte der „Luftbekleideten“ (Digambras) eine Rolle, die Sekte der Swetambras (Weißgekleidete) kennt ihn nicht.

Vermutlich wurde die Riesenfigur von Shravanabelagola 983 aus dem Granitfelsen geschlagen. Auftraggeber war, laut einer Inschrift, Chamunda Raya, ein Minister von König Rachamalla II. aus der westlichen Ganga Dynastie. Der 160m hohe Hügel auf dem er steht wird wahlweise als IndraBETTA, IndraGIRI, VindhayaGIRI oder DoddaBETTA bezeichnet. Die Silbe „betta“ steht für offenes Hofheiligtum, die Silbe „giri“ steht in Sanskrit für Hügel. Alle drei Gomatas (Shravanabelagola, Venur und Karkal) sind Standbilder der Sekte der Digambras (Luftbekleidete). Alle drei haben als Charakteristikum, dass sich um ihre Beine und Arme Zweige und Ranken schlingen, nach dem Vorbild von Badami (älteste Höhle 700). Alle drei zeigen den idealen Asketen (Yogi).

Alle 12 bis 14 Jahre wird die Statue des Gomata mit Öl eingerieben. Das Fest heißt Maha Masthaka Abhisheka, die „Hauptsalbungszeremonie“. Kurz davor wird ein riesiges Holzgerüst um die Statue von Sri Gomatheswar errichtet, und mehr als eine Million Pilger versammeln sich um und auf den Hängen des heiligen Hügels. Während der Zeremonie singen Priester und Gläubige auf dem Gerüst heilige Mantras und gießen Tausende Liter Milch, Honig und Kräuter über den Kopf der Statue. Das Trankopfer, welches zu Füßen der Statue gesammelt und an die Scharen wartender Pilger verteilt wird, hilft den Menschen bei ihrer Suche nach Erleuchtung. Das Masthaka Abhisheka findet nur alle zwölf bis vierzehn Jahre statt. Die letzten Festivals fanden im Februar 1981, im Dezember 1993, im Februar 2006, im Februar 2018 und im November 2025 statt. Bestimmt wird der Zeitpunkt durch einen astrologischen Kalender.

Der Jainismus

Weltweit gibt es etwa 4-6 Millionen Jainas, die Mehrheit von ihnen lebt in Indien, in den Bundesstaaten Gujarat und Rajasthan. Man findet sie aber auch in Maharashtra, Karnataka, Madhya Pradesh und Uttar Pradesh. Der wichtigste Unterschied zwischen Jainismus und Hinduismus liegt in der Sichtweise Gottes. Während der Hinduismus eine Vielzahl von Göttern kennt und verehrt kommen die Jainas ohne Gott aus. Im Zentrum ihrer religiösen Praxis steht die Selbstverwirklichung und das Streben nach Befreiung von der materiellen Welt. Ein weiterer Unterschied zum Hinduismus ist die Gewaltlosigkeit.

Der Jainismus betont die Gewaltlosigkeit und das Prinzip von Ahimsa, das die Vermeidung von Schaden gegenüber allen Lebewesen einschließt, während der Hinduismus Praktiken und Riten kennt, die auf Tieropfer oder das Töten von Tieren ausgerichtet sind. Der Jainismus fordert zudem die Toleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen, während der Hinduismus eine lange Geschichte von Konflikten und Auseinandersetzungen mit anderen Religionen hat. Der Jainismus ist keine Religion sondern eine Art zu leben, er hat mit den Agamas eigene Schriften und kennt eigene Lehrer: die Tirthankaras (Furtbereiter). Als einer der ersten gilt Mahavira, der im 5. Jahrhundert vor Christus gelebt haben soll. Der Jainismus ist also in etwa zeitgleich mit dem Buddhismus entstanden.

Die Legende des Herrn Gomata

In der Legende trägt der Gomateshwara den Namen „Bahubali“, dieser war der zweite Sohn von Rishabhanata, dem mythologischen ersten Tirthankara. Bharata und Bahubali eroberten zwei verschiedene Regionen des Rishabha-Königreichs. Bharata begann die Fürstentümer um ihn herum zu unterwerfen und forderte seinen Bruder Bahubali und achtundneunzig andere ebenfalls zur Unterwerfung auf. Alle außer Bahubali gaben ihre Königreiche auf und wurden Mönche. Also forderte Bharata Bahubali auf dem Schlachtfeld heraus und verwickelte ihn in ein Duell. Als Bahubali Bharata überwältigen wollte, erkannte er plötzlich die Absurdität des Stolzes auf den Sieg, gab den Kampf auf und wurde Mönch. Als Jain Sramana übte er Buße indem er in der Kayotsakga-Pose (stehend in der Natur) verharrte.

Da er jedoch nicht in der Lage war, Kevala-Jnana (Allwissenheit) zu erreichen, war er sich zwar seines Leidens bewusst, kannte aber nicht dessen Ursache. Sein Vater, Rishabhanatha der erste Tirthankara, bat seine Töchter Brahmi und Sundari, ihn zu überreden, seinen Stolz aufzugeben. Als Bahubali das tat erreichte er die Erleuchtung. Sein Bruder Bharata errichtete darauf in Podanpura eine Statue seines Bruders. Im Laufe der Zeit wurde diese Region mit Wald bewachsen und das Bild wurde für alle außer den Eingeweihten unsichtbar. Nach der Tradition der Jain der Digambra-Sekte war es Bahubali, der als erster Mensch die Erlösung erlangte.

Wie lebt man als Jain ?

In der Zeitschrift GEO fragt sich Nils Erich ob der Jainismus eine Antwort auf die Großen Weltprobleme sei. Das dürfte im Jainismus keine wichtige Frage sein, denn hier geht es nicht um die Welt sondern um das Nirvana. Im Jainismus wird die Seele (Jiva) als eine unsterbliche und ewige Einheit gesehen, die quasi als Mieter in einem physischen Körper wohnt. Aus Sicht der Jainas gibt es unzählige Seelen, die in einem endlosen Kreislauf der Geburt, des Todes und der Wiedergeburt – dem Samsara – gefangen sind. Verantwortlich dafür ist das Karma, das durch Handlungen in der Vergangenheit angesammelt wurde und die Wiedergeburt einer Seele bestimmt.

Das Ziel des Jainismus ist es, die Seele von den Bindungen des Karmas zu befreien und dadurch den Kreislauf der Wiedergeburt zu durchbrechen und so das Nirvana zu erreichen. Die Wiedergeburt ist ein unendlicher Zyklus, der nur durch den Prozess der Reinigung des Karmas unterbrochen werden kann. In der Reinigungsanleitung steht Folgendes: Praktiziere Ahimsa (Gewaltlosigkeit), stehle nie (Asteya), sprich immer die Wahrheit (Satya), übe Keuschheit (Brahmacharya) und verzichte auf persönlichen Besitz (Aparigraha). Wenn eine Person in der Lage ist, diese Prinzipien zu leben, kann sie das Karma reduzieren und die Seele von den Bindungen des Kreislaufs der Wiedergeburt befreien.

Alle Jainas sind Vegetarier. Aus dem Prinzip des Nichtverletzens ergibt sich eine strenge vegetarische Ernährung. Und nicht nur das: Jains vermeiden es, irgendein lebendes Wesen zu schädigen, egal wie klein es auch sein mag. So tragen sie beispielsweise Gesichtsmasken oder Tücher um den Mund, um das versehentliche Einatmen von Insekten zu verhindern. Ahimsa gilt nicht nur für Tiere, sondern auch für Pflanzen, weshalb Jains Wurzelgemüse meiden. Jede Handlung hat Konsequenzen. Jains glauben, dass ihre Handlungen, Gedanken und Worte Karma erzeugen, das ihre gegenwärtigen und zukünftigen Umstände bestimmt. Daher bemühen sie sich ein Leben von Reinheit, Ehrlichkeit und Selbstdisziplin zu führen, um gutes Karma anzusammeln und spirituelle Befreiung zu erreichen.ichts bleibt ohne Konsequenzen für die Jain-Seele

Jainas glauben, dass jede Handlung, jedes Wort und jeder Gedanke eine Wirkung hat, die zu einem bestimmten Zeitpunkt spürbar wird. Die Art und Weise, wie jemand handelt, beeinflusst seine gegenwärtigen und zukünftigen Umstände. Daher betrachten Jainas Karma als eine Form der Energie, die das Leben beeinflusst. Sie denken, dass jeder Mensch für sein eigenes Karma verantwortlich ist. Sie glauben, dass jedes Wesen eine Seele hat und dass die Seele für das Karma verantwortlich ist, das es angesammelt hat. Wenn jemand gute Handlungen ausführt, wird er gutes Karma sammeln, das ihm in der Zukunft zugute kommt. Das Karma, das in einem Leben angesammelt wird, beeinflusst das Leben in der nächsten Inkarnation.

Das Lebensziel ist „Moksha“ zu erreichen – denn nur durch die Erlangung von Moksha kann die Seele dauerhaft von der Wiedergeburt befreit werden und sich mit dem ewigen und unveränderlichen Wesen des Universums vereinen. Ein Weg dazu ist Meditation und Selbstreflexion. Ein weiterer Weg ist das Konzept von Anekantavada. Das bedeutet „vielseitig“ oder „Nicht-Absolutismus“. Es gibt viele Perspektiven und Wahrheiten zu jeder Situation, ein Jain muss offen und respektvoll gegenüber den Meinungen anderer sein.

In Jainismus gibt es zwei Hauptgruppen, die Digambara und Svetambara. Die Digambara tragen keine Kleidung, während Svetambara weiße Kleidung tragen. Die beiden Gruppen unterscheiden sich auch in ihren Ansichten zur Rolle von Frauen in der Religion und anderen Aspekten des Glaubens. Jains glauben auch an die Existenz von Siddhas (erleuchtete Wesen die den Zyklus der Wiedergeburt überwunden haben) Sie beten zu diesen Siddhas und bauen ihnen Tempel und Schreine.

Die wichtigsten Heilige Stätten des Jainismus sind: Shatrunjaya, ein heiliger Hügel in Gujarat, auf dem sich mehr als 850 Tempel befinden, die dem ersten Tirthankara, Lord Rishabha, und anderen Tirthankaras gewidmet sind. Palitana, ein Wallfahrtsort in Gujarat der als „Stadt der Tempel“ bekannt ist. Es gibt hier mehr als 900 Tempel, die dem Jainismus gewidmet sind. Mount Abu, ein heiliger Berg im Bundesstaat Rajasthan, der Berg ist die Heimat des berühmten Dilwara-Tempels. Kundalpur in Madhya Pradesh, ein wichtiger Pilgerort für die Jainas, da hier der erste Tirthankara, Lord Rishabha, geboren wurde. Schließlich Shravanabelagola in Karnataka. Der Ort ist berühmt für seine riesige Statue des Bahubali. Sie zeigt ihn nackt und mit den Beinen im Boden verwachsen – Zeichen seiner völligen Hingabe während seiner asketischen Selbstaufgabe.

Nach oben scrollen