Chettinad, das „Chetti-Land“ ist eine Region Im Distrikt Sivaganga im Süden von Tamil Nadu. Das Zentrum ist Karaikkudi, es ist die Heimat der Nattukottai Chettiar, einer sehr erfolgreichen Händlerkaste, die ihr Geld in palastartige Häuser investiert haben. Die Nattukottai Chettiar sind während der britischen Kolonialzeit im 19.Jahrhundert als Händler nach Südostasien gegangen und haben dort viel Geld verdient. Dadurch entwickelte sich eine eigene regionale Architektur, eine Kombination traditioneller tamilischer und europäischer Architekturelemente. Ausgeführt mit teuren Materialien wie Teakholz aus Burma oder Marmor aus Italien.

Viele dieser Anwesen befinden sich in Kariakkudi aber auch in den umliegenden Dörfern gibt es sehenswerte Paläste. Kanadukathan beherbergt immerhin den Palast der Rajas von Chettinad (keine echten Könige, das war nur ein Ehrentitel den die Briten dieser Händlerfamilie gaben). Chettinad steht auf der Tentativliste der UNESCO und da besteht das Gebiet aus drei Regionen mit 11 Dörfern. Zu Region1 gehören die Dörfer Kanadukathan, Pallathur, Kothamangalam und Kottaiyur. Zu Region2 gehören Athanagudi, Chokalingampudur, Kariakkudi und Kandanur. Zur Region3 zählen die Ortschaften Rayavaram, Arimalam und Kadiapatti-Ramachandrapuram.
Chettinad historisch betrachtet ist ein Netzwerk aus heute noch 73 Dörfern und 2 Städten und bedeckt ein Gebiet von etwa 1.550 Km² in den Bezirken Sivagangai und Pudukottai im Bundesstaat Tamil Nadu. Im 13.Jahrhundert sollen die Natukottai Chetiars nicht ganz freiwillig vom Golf von Bengalen in dieses trockene Gebiet eingewandert sein. Jedenfalls wurden sie in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts reich. Sie waren Händler (Südostasien) und Bankiers, die mit ihrem Reichtum ein Netzwerk aus ursprünglich 96 Dörfern aufbauten.

Ihre Architektur ist ein Schmelztiegel aus tamilischer, südostasiatischer und europäischer Architekturformen die in einem Zeitraum von 1850 bis in die 1940er Jahre errichtet wurde. Genau diese Mischung macht Chettinad einzigartig. Die Paläste waren so etwas wie goldene Käfige. Die Männer waren aufgrund ihrer Handelstätigkeit meist unterwegs. Die Frauen und die Familien blieben im Chettinad zurück. Das erklärt die Größe der Anwesen, denn die Frauen und Kinder der Händler haben sie vermutlich selten verlassen.

Die Dörfer sind axial angelegt (N-S Achse) und haben einen rasterartigen Grundriss. Auch die Häuser sind axial konzipiert, sie bestehen aus ein Reihe von Innenhöfen, die entlang einer Längsachse angeordnet sind. Das semiaride, heiße Klima und die Lebenszyklusrituale haben die Architektur geprägt. Die Herrenhäuser wurden so konzipiert, dass sie von der Geburt bis zum Tod für alle Rituale und Familienfeiern funktionierten. Pavillons, Hallen und Innenhöfe wurden für Geschäftszwecke sowie als Bereiche für Empfänge und Hochzeiten hinzugefügt. Die Häuser wurden über die Zeit immer größer und palastartiger. Jeder Aspekt der Architektur wurde so konzipiert, dass er den Reichtum des Besitzers zeigt: Vom Grundriss bis zur Monumental-Fassade, deren Höhe durch die Hinzufügung mehrerer Balustradeebenen, doppelten Kolonnaden und Loggien noch verstärkt wurde.

In der Architektur der Häuser haben sich viele Elemente aus aller Welt vermischt. Zum Beispiel wurde Teakholz aus Burma importiert, Satinholz aus Ceylon, Marmor aus Italien und Belgien, Gusseisen und Stahl aus Großbritannien und Indien, Decken aus Metallplatten aus Großbritannien, Ziegel aus Bombay, Japan, Deutschland, Frankreich und England, Kronleuchter aus Belgien, Frankreich und Italien. Die Handwerker, die für die Holzschnitzerei, die Fresken und den Eierputz zuständig waren kamen aus verschiedenen Regionen Indiens. Man schätzt, dass es an die 15.000 Chettinad Paläste gab.
Eine weitere Besonderheit sind die vielen Häuser im Art-Deco-Stil, die in den 1930 und 1940er Jahren errichtet wurden.

Raumklima und Wassermanagement bei den Chettinad
Die Region ist semiarid und heiß, das prägte die Architektur, die zum Bau verwendeten Materialien und auch den Umgang mit Wasser. Die Dörfer sind auf einer N-S-Achse aufgefädelt, die Innenhöfe liegen also auf einer O-W-Achse und diese Lage bietet Schatten, Licht, Kühle und Luft. Die Mauern sind dick, aus Ziegel errichtet und mit Kalk verputzt. Die Ziegel für den Bodenbelag sind extra-dick und haben daher eine gute Klimafunktion, auch der Marmor-und Steinboden hält kühl. Die Neigung der Dächer ist so gestaltet, dass bei Monsunregen das Regenwasser gut abgeleitet werden konnte. Wasser wurde gesammelt, nur das überschüssige Wasser wurde in die Dorfdeiche und kommunalen Wasserbecken geleitet.
Wasser ging nie verloren. So haben die Chettiars eine eigene Landschaft geformt, grün, Seen, die von Dämmen mit verschiedenen Baumarten gesäumt sind, landwirtschaftliche Flächen, Wälder und heilige Haine. Nach dem Monsun machen hier viele Zugvögel Pause. Das Wassersystem besteht aus zwei Arten miteinander verbundener Netze. Eines befindet sich innerhalb der Dörfer (Entwässerungen und Deiche). Das andere besteht aus Erys, traditionelle Oberflächenwasserspeicherstätten, die sich über das Umland um die Dörfer erstrecken.

Tradition wird bei den Chettiars groß geschrieben. Die Herrenhäuser wurden so konzipiert, dass darin alle Rituale abgehalten werden konnten. Der Haupthof ist der zentrale Teil des Hauses. Hier finden die meisten Rituale statt. Er dient als Tempelheiligtum, in dem die Oberpriester eines der 9-Clan-Tempel (jeder Chettiar gehört zu einem dieser 9 Clans) die Veranstaltungen abhalten. Jeder Raum im Haus hatte eine doppelte Funktion – Alltag und Ritual. Der Küchenbereich ist wichtig. Die Chettiars haben eine sehr anspruchsvolle Küche entwickelt, indem sie Rezepte aus Südindien und Südostasien in ihren Speiseplan integriert haben.
In Chettinad hat sich viel Handwerk entwickelt. Fliesen, Holzschnitzarbeiten, Bronzefiguren, Webereien, Korbflechtereien und sogar Schmuckproduktion. Der Tourismus hilft dabei, dass dieses Handwerk erhalten bleibt und da viele alte Paläste in Hotels umgebaut wurden, hilft er auch bei der Erhaltung der Architektur.



