Die Halbinsel Musandam

Home » Die Halbinsel Musandam

Musandam ist so ganz anders als der Rest vom Oman. Die Enklave im Norden des Sultanats ist durch die Vereinigten Arabischen Emirate vom restlichen Staatsgebiet Omans getrennt. Die Haupt- und Hafenstadt Khasab erreicht man daher nur über die Emirate Schardscha, Umm al-Qaiwain und Ras al-Chaima in einer zirka 2,5-stündigen Autofahrt ab Dubai. Alternativ gibt es eine Flugverbindung mit Propellermaschinen von Oman Air nach Muscat – aus der Luft hat man einen spektakulären Blick auf die Fjorde. Ganz im Norden von Musandam läuft die Halbinsel spitz zu und vor der schroffen Küste liegen viele kleine Inseln in der spiegelglatten See. Die Landschaft erinnert an die Fjorde Norwegens. Hier ist es das mächtige Hajar-Gebirge, welches das Landschaftsbild prägt und bis zur Küste der Musandam-Halbinsel ragt, wo es im Meer zu versinken scheint. Diesen einmaligen Buchten verdankt Musandam seinen Beinamen “Norwegen des Mittleren Osten”.

In der „Fjordlandschaft“ von Musandam

Es sind keine „echten Fjorde“ und auch das Licht ist anders, nicht jenes des kühlen Norden sondern das heiße Licht Arabiens. Das Meer ist hier wie ein Spiegel, der die faszinierenden Felsformationen des Hajar-Gebirge dupliziert.  So friedlich diese Landschaft wirkt, sie liegt an der Straße von Hormus, einer der verkehrsreichsten Schifffahrtsstraßen weltweit. Jeden Tag fahren hier die Öltanker in beide Richtungen. Musandam ist nicht nur schön, es ist auch strategisch bedeutend, daher war die Halbinsel bis 1992 militärisches Sperrgebiet. Mit 1.800 Quadratkilometern ist Musandam gerade mal halb so groß wie Mallorca, etwa 30.000 Menschen leben hier. Bis ins 19. Jahrhundert war die Region kaum entwickelt. Erst ab den 1970ern wurde die Infrastruktur verbessert, Landwirtschaft und Fischerei gefördert. Das Zeitalter der Telekommunikation hielt erst 1980 Einzug, bis dahin gab es weder Radio, noch Fernsehen oder Telefon. 

Unterwegs in den „Fjorden des Oman“

Es ist ein Ausläufer des Hajar-Gebirges, der sich hier als gewaltiger Kalksteinberg über dem Meer erhebt. 2.100m ist der höchste Kalkfelsen der Gebirgskette hoch, die von den Einheimischen „Ru’us al-Jibal“, Köpfe der Berge, genannt wird. Wegen des wüstenhaften Klimas und den spärlichen Niederschlagsmengen von nur 250mm pro Jahr finden sich Bäume und Sträucher nur in den Oasen. Die 650 Kilometer lange Küstenlinie wird von einem Gewirr von zerklüfteten, fjordähnlichen Buchten, Felszungen und Lagunen gebildet, dadurch erscheint sie kürzer als sie ist.

Die Küstenlinie bei Musandam

Bis zu Beginn des 19.Jahrhunderts wurde von Musandam wenig Notiz genommen, erst die Briten erkannten in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts, dass die Halbinsel, aus ihrer kolonialen Perspektive, strategisch wichtig wäre. Sie überzeugten den damaligen Sultan des Oman, Thuwaini bin Said, davon, dass er Musandam zu einem Teil seines Sultanats machen müsse. Viel Aufmerksamkeit schenkte der Sultan dem kargen Landstrich nicht. Völkerrechtlich wurde das Gebiet erst 1970, im Rahmen eines Grenzabkommens mit den V.A.E. zu einem Teil des Oman. Erst Sultan Qaboos begann Musandam zu entwickeln, 1976 ließ er das „Musandam Development Committee“ gründen. Abgelegen und einsam ist die Halbinsel noch immer aber das ist gut für den Tourismus.

Delphin in der Bucht von Musandam

Trotz der vordergründigen Einsamkeit ist Entwicklung passiert. Krankenhäuser und Schulen wurden errichtet, Elektrizitätswerke gebaut und die Trinkwasserversorgung sichergestellt. Es gibt etwas Landwirtschaft und auch die Fischerei bringt Einnahmen. 1980 errichtete man bei Khasab eine Satellitenstation, seither gibt es auch Radio, Fernsehen und Kommunikation. Auch die Anreise ist einfacher geworden, heute kann man via V.A.E. oder mit einer Propellermaschine via Muscat anreisen, früher wäre man mehrere Tage mit einer Dhau unterwegs gewesen.

Dhau in der Bucht von Musandam

Was ist eine Dhau

Eine Dhau ist ein traditionelles Segelschiff mit einem oder mehreren Masten. Heute findet man sie in den V.A.E., im Oman, im Roten Meer und im Indischen Ozean. In der Vergangenheit fungierten Dhaus als Handelsschiffe, waren aber auch mit dem Perlenhandel verbunden. Größere Dhaus haben Besatzungen von ungefähr dreißig, kleinere normalerweise um zwölf. Wann genau und von wem dieser Schiffstyp erfunden wurde ist unklar, die meisten Historiker sind sich uneinig, ob die Dhau etwa um 600 n. Chr. von Arabern oder Indern erfunden wurde. Seeleute aus dem Jemen und dem Oman kamen jahrhundertelang nach Kerala (Südindien) um an der Malabarküste die Dhau zu bauen. Hier gab es das beste Holz in den Wäldern der Western Ghats und erfahrene Schiffbauer. Früher wurden die Bretter eines Dhau-Rumpfes von einem Kokosnussseil zusammengehalten also quasi „genäht“.

Eine Dhau

Der Dhaubau im Oman

Die Kunst, Dhaus zu bauen, wurde im Sultanat Oman fortgesetzt. Das Sultanat ist nach wie vor die Heimat der besten Dhaubauer der Welt. In der Stadt Sur lebt dieses Handwerk noch und Handwerker bauen moderne Dhaus auf Bestellung. Auch in Dubai gibt es noch Werften die diesen Schiffstyp bauen. Zwischen drei und sechs Monate dauert die Fertigstellung einer Dhau, je nach Größe des Schiffes. Dabei wird das Holz, meist aus Indien importiertes Teak, mühsam per Hand mit Hammer, Hobel oder Axt bearbeitet. Nur für größere Arbeiten gibt es mittlerweile Kreissägen oder Bohrmaschinen.

Heute werden Dhaus für Touristen eingesetzt. Eine Reihe von Golfstaaten bieten Touristen Dhaufahrten an, die als Sonnenuntergangs- oder Dinner-Kreuzfahrten beworben werden. Eine Fahrt entlang des Dubai Creek oder ein Ausflug in die Fjordlandschaft des Oman in Musandam ist ein Erlebnis. Der Begriff „Dhau“ ist übrigens kein arabisches Wort, sondern ein europäischer Sammelbegriff. Die Omanis zum Beispiel kennen keine Dhau, sie nennen diese Schiffe „Sambug“ oder „Badan“. Die großen, hochseetüchtigen Schiffe nennen sie „Boom“, diese hatten eine Ladekapazität von bis zu 500 Tonnen und waren noch bis in die 1970er Jahre unterwegs.

Dhaus gibt es auch als Modellschiffe zum Mitnehmen

Musandam heute

Rund 30.000 Menschen leben auf dem Gebiet der omanischen Enklave, Tendenz steigend, denn das Bevölkerungswachstum hier ist das höchste im Oman. 1981 lebten nur etwa 10.000 Menschen auf Musandam, heute wohnen alleine in der Küstenoase Khasab 20.000. Die traditionellen Erwerbsquellen sind Fischerei und Oasenwirtschaft. Die sesshaften Bewohner der Küstenoasen leben als Dattelbauern, Fischer, Händler oder Handwerker. Die „Shawawi“, die Nomaden wandern zwischen kleinen Steinhäusern in mehreren Gebirgsweilern und einer Küstenoase.

Heute beziehen die meisten Familien ihr Einkommen aus der Lohnarbeit in großen Städten, meist in den V.A.E. oder auch in Khasab. In Musandam gibt es zwei Hauptstämme. Die „Shihuh“ und die „Kumzari“. Die meisten gehören zu den Shihuh und leben als Fischer, Oasenbauern oder Gebirgsnomaden. Sie haben einen eigenen Dialekt, der eine Mischung aus dem Arabischen und dem Farsi, der persischen Sprache, ist. Viele Shehi tragen noch den „Jirs“, eine kleine , langstielige Axt, als Statussymbol. Die Kumzari kommen aus dem gleichnamigen Fischerdorf (3.000 EW), das ganz im Norden an der Straße von Hormuz liegt und nur per Boot erreichbar ist.

Blick von Jebal Harim

Khasab – die Hauptstadt von Musandam

Der Name bedeutet übersetzt so viel wie „der abgelegenste Erzeuger“ und bezieht sich auf die lokale Dattelproduktion. Khasab hat große dichte Dattelhaine. Das Falaj System kennt man hier nicht, die Oasen wurden mit Ziehbrunnen bewässert, heute hat man Motorpumpen. Die Ackerflächen im Gebirge wurden nach Regenfällen geflutet oder aus Zisternen versorgt. Etwa ein Drittel der Agrarflächen in Khasab gehört den mobilen Fischern aus Kumzar. In der Stadt leben auch viele (Ex)Perser, die meisten haben 1970 die omanische Staatsbürgerschaft angenommen.

Khasab liegt im Norden an einer geschützten, weiten Bucht, im Süden erreicht man über das Wadi Khasab die umliegenden Berge. Im Bereich der Bucht liegt das alte Khasab und im Süden die Neustadt aus den 1980er Jahren. Es gibt einen (Militär) Flughafen, Verwaltungsgebäude, Kasernen, Schulen, ein Krankenhaus, eine Polizeiwache, eine Tankstelle und das Khasab Hotel, das lange das einzige der Stadt war. Das neue „Geschäftszentrum“ ist klein, der Irani-Souq ist etwas größer. Die Festung und der Souq sind das Herzstück der Stadt. Das Fort wird 1644 erstmals erwähnt, vermutlich wurde es unter den Portugiesen erbaut und von ihnen genützt um den Persern die Insel Hormuz wieder abzunehmen (was nicht funktioniert hat).

Blick auf Khasab

Hormuz und der Hafen von Khasab

Musadam ragt als Spitze in die Meerenge von Hormuz und grenzt den Golf von Oman vom Persisch-Arabischen Golf ab. Seit der Entdeckung des Erdöls ist diese Wasserstraße strategisch wichtig geworden. Die Straße von Hormuz, teilweise so schmal wie der Ärmelkanal und nur 100m tief, ist eine der wichtigsten Tankerrouten der Welt. Der Seeweg führt durch omanische Hoheitsgewässer, sie sind die Türsteher dieser Pforte.

Der Mensch nutzt diese Meeresstraße schon lange. Sumerer, Babylonier, Chaldäer und Assyrer haben bereits um die Kontrolle dieses Seeweges gekämpft. Die Straße von Hormuz war immer die Verbindung für den Handel mit dem Fernen Osten. Im Mittelalter war es eine der wichtigsten Handelsstraßen und damit ein häufiger Kriegsschauplatz. Auch die Europäer befuhren diese Route, Portugiesen, Holländer, Franzosen und Briten haben ebenfalls um die Straße von Hormuz gekämpft. Beherrscht wurde die Golfregion allerdings von den wechselnden Perser-Dynastien und das seit mehr als 2.400 Jahren.

Landschaft rund num Khasab

Gekämpft hat man meist um die, nur 8 Kilometer vor der persischen Küste liegenden, Insel Hormuz. Dieser, ohne Süßwasser ausgestattete, nur 42 Km² große, Buckel im Meer mit heute etwa 4.000 Einwohnern wurde zu einem mächtigen Seehandelszentrum. Von hier gab es Verbindungen nach Indien, China und Ostafrika. Via Hormuz wurden Tausende von arabischen Pferden nach Indien verschifft. Am Rückweg hatten diese Schiffe Pfeffer, Nelken, Indigo, Eisen, Zucker, Reis, Sandelholz und Teakholz für den Dhaubau geladen. Damals hatte Hormuz 10x so viele Bewohner wie heute.

Im 15.Jahrhundert war Hormuz ein inselübergreifendes Handelsimperium mit Besitzungen an der omanischen Nordküste (Sohar, Muscat) und In Julfar (heute Ras al-Khaiman) sowie in Bahrein. Die Portugiesen griffen im 16.Jahrhundert an und besetzten die Insel fast 100 Jahre lang. Zu Beginn des 17.Jahrhunderts verbündete sich Shah Abbas I. (Persien) mit den Briten und die Portugiesen mussten 1622 gehen. Die Engländer prägten im 18.Jahrhundert den Satz: „Wer Indien besitzen will, muss die Golfregion beherrschen“. Ihr gesamter Indien-und Asienhandel lief über die Straße von Hormuz.

Landschaft rund um Khasab

Der Hafen von Khasab ist ein ziemlich geschäftiger Ort. Nicht wegen der Fischer oder der Touristen sondern wegen dem Handel mit dem Iran. Khasab ist ein großer Ziegenumschlagplatz. Jeden Morgen kommen bis zu hundert iranische Schnellboote mit ihren Ziegen an. Sie werden vom omanischen Zoll empfangen und nach einer Kontrolle strömen sie in den Souq. Sie kaufen hier alles, was im Iran schwer zu bekommen ist (Zigaretten, Unterhaltungselektronik), ein. Seit 1981 boomt dieser kleine Grenzverkehr, denn in diesem Jahr wurde die Küstenpiste in die V.A.E. fertiggestellt. Ziegen sind in den V.A.E. teurer als in Persien, seit es die Straße bis Dubai gibt, ist der Ziegenhandel ein gutes Geschäft. Am Abend fahren die Iraner in das 70 Kilometer entfernte Bandar Abbas zurück, ab hier ist ihr Handel illegal aber es werden nie alle Boote erwischt.

Nach oben scrollen