Die Shastra und der Tempel

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Die Shastras sind heilige Schriften die als Lehrtexte Verwendung fanden. Im Hinduismus umfassen sie spirituelles Wissen, ethische Richtlinien und rituelle Anweisungen. Die Vastushastra sind Architekturrichtlinien, im Shilpashastra geht es um Kunst und Ritual. Die Arthashastra dienten der Kriegsführung. Das Ayurveda betrachtet sie als medizinische Leitfäden. Im Wesentlichen sind Shastras systematische Wissenssammlungen, die in unterschiedlichen Kontexten angewendet werden. Sie sind überwiegend postvedische Literatur, also maximal 2.500 Jahre alt. Wie alt genau ist allerdings unklar. Trotzdem sind die Shastras noch lebendig. Sie werden ständig neu interpretiert und an die sich ändernden Bedürfnisse der Gesellschaft angepasst. Diese Fähigkeit zur Anpassung hat es ihnen ermöglicht, über mehr als 2.500 Jahre relevant zu bleiben.

Das Vastu Shastra – die Lehre von Raum und Architektur

Wörtlich übersetzt bedeutet der Begriff „Wissenschaft von der Architektur“, diese Texte sind sehr alt aber immer noch aktuell, denn wenn Inder ein Haus bauen, dann orientieren sie sich auch im 21.Jahrhundert oft an den Vorgaben des Vastu Shastra. Hier werden die Prinzipien von Form, Grundriss, Anordnung, Maßen, Raumanordnung und räumlicher Geometrie beschrieben. Im modernen Kontext geht es darum Räume mit ihrer Umgebung in Einklang zu bringen (Wind, Sonne) und die Harmonie zu fördern. Etwa vergleichbar mit Feng Shui. Um das zu erreichen werden Layoutdiagramme erstellt, die ähnlich wie ein Mandala aussehen und funktionieren. Auch für den Bau von hinduistischen Tempeln (Mandir) gibt es genaue Anleitungen, die von den Sthapati (Priesterarchitekten) ausgeführt werden.

Padmagarbha-Mandala und Brihadishvara Tempel als perfektes Beispiel dafür

Die südindischen Sthapatis haben versucht durch Mandalas, die sie in der Architektur als Raster-oder Layoutdiagramme verwenden, dem „Brahman“ die richtige architektonische Form zu geben. Dazu entwickelten sie ab dem 1.Jahrhundert eine Reihe von quadratischen Diagrammen um ihre kosmischen Vorstellungen zu konkretisieren. Das bedeutendste Rasterschema war das Lotosdiagramm (padmagarbhamandala). Hier wird die Grundfläche des Vimana als Quadrat das in 16×16 kleinere Quadrate aufgeteilt ist, dargestellt. In der Mitte liegen 4×4 Felder, die dem „Brahman“ in seiner jeweiligen Manifestation zugewiesen sind. 84 Felder entlang der Außenwände des Prozessionspfades sind für weitere Gottheiten reserviert. 96 Felder auf der Ummauerung sind der Welt des Menschen und im Sockel-und Terrassenbereich weitere 60 Felder für die Geister (Asuras) und Gnomen (Bhutas) vorgesehen.

Die Shilpa Shastras

Die Wissenschaft von Kunst und Handwerk war mindestens ebenso wichtig, wie die Vastu Shastra, die die Architektur regelt. Im Kontext der hinduistischen Tempelarchitektur-und Skulptur waren die Shilpa Shastras Handbücher für Skulptur und hinduistische Ikonographie. Sie enthielten die Regeln für die Proportionen einer Figur, die Komposition, Prinzipien und Bedeutung. Shilpa-und Vastu-Shastras sind verwandt aber die Shilpa Shastra beschäftigt sich vorwiegend mit der Herstellung von Statuen, Reliefs, Malerei, Holzschnitzarbeiten, Bronzearbeiten sowie Keramik, Schmuck und Textilien. Die alten Sanskrit Texte verwenden den Begriff Shilpin (männlicher Künstler) und Shilpini (weibliche Künstler) sowie Shilpani (Kunst des Menschen).

Besonders komplex sind die Anleitungen der Shilpa Shastra wenn es um Metallarbeiten, im Besonderen um Bronzen, geht. In den Sanskrit Texten der Shilparatna und Manasara werden der Prozess und die Prinzipien der Kunstarbeit mit Metallen exakt beschrieben. Die Legierungen, Panchadhatu (fünf Metalle – Zink, Zinn, Kupfer, Silber und Gold) und Ashtadhatu (acht Metalllegierungen – die zu den fünf genannten noch Eisen, Blei und Quecksilber hinzufügen) werden genau erklärt. Auch der Madhuchista Vidhana (Guss der verlorenen Form) wird intensiv diskutiert. Diese Shastras haben sich von Indien bis nach Südostasien ausgebreitet. Selbst die frühen Bronzearbeiten der Khmer beruhen auf diesen Lehrbüchern.

Bronzeherstellung in Kumbakonam

Die bildenden Künste wurden im alten Indien von allen Klassen (Kasten) und Geschlechtern ausgeübt. Lehrlinge wurden von Meistern ausgebildet, die Besten wurden adoptiert und als Mitglieder verschiedener Kunstzünfte annerkannt. Die Ausbildung begann in der Kindheit, gelehrt wurde Dharma (Recht), Kultur, Lesen, Schreiben, Mathematik, Geometrie, Farbmischen-und lehre, Werkzeuge und die jeweiligen Herstellungsgeheimnisse der Meister und Werkstätten. Shilpins gründeten im alten Indien „Srenis“ (Zünfte) und jede Gilde hatte ihre eigenen Gesetze und ihren eigenen Verhaltenskodex.

Tempelgrundriss mit (1) Halboffener Halle (2) Halle (3) Große Halle (4) Vestibül (5) Allerheiligstes (6) Umwandlungsgang (8) Plattform (in Südindien/Dravidastil niederer als im Norden)

Die Anlage eines Tempels in Südindien

Ein Mandir (Tempel) ist ein Synthese aus Architektur, Skulptur und Malerei. Der Tempel ist der Versuch den Kosmos auf Erden zu manifestieren (reproduzieren). Der Tempelturm spiegelt die Weltachse, die die Erde mit dem Himmel verbindet, wieder. Deswegen spielen beim Tempelbau die Ausrichtung zur Sonne und die Anordnung von Figuren, die Tierkreiszeichen symbolisieren, eine wichtige Rolle. Das Garbhagriha, in der sich die zentrale Götterfigur befindet, ist das Herz oder die Seele eines Tempels. Dieser Raum ist meist dunkel und ruhig wie das Zentrum des Universums. Häufig darf er nur von Brahmanen, die als Priester tätig sind, betreten werden. Der Garbhagriha ist (meist) nach Osten gerichtet, so dass die Strahlen der aufgehenden Sonne die Gottheit bescheinen können.  Um den Schrein herum gibt es einen Korridor (Pradakshina Patha), für die heilige Umwandlung (so wird das Gebet vollzogen).

Dravida Stil – Südindischer Vimana

Die oberen Teile des Temples werden meist von sich bewegenden Figuren (wie Tänzern, göttliche Nymphen und Musikern) verziert, die das Element Luft symbolisieren. Im unteren Bereich sind alle Naturkräfte dargestellt, die nötig sind, um dämonische Kräfte zu besiegen und den Tempel zu schützen. Die Mithuna Figuren (Liebespaare) haben zum Beispiel die Aufgabe den Tempel vor Blitzen und anderen Naturgewalten schützen. Über der Cella erhebt sich ein horizontal mehrfach gestuften Turm, der in Südindien als Vimana bezeichnet wird. Die Spitze des Turms wird von einem glückbringenden Wasserkelch (Kalasha) bekrönt, der die „Grenze“ symbolisiert, an der sich die Welten der Götter und der Menschen treffen. Vor dem Schrein ist häufig eine Gebetshalle (Mandapa).

Mandapa

Der dravidische Stil entwickelte sich um das 7. Jahrhundert in Tamil Nadu. Die frühesten Beispiele dafür sind die Tempel in Mahabalipuram und Kanchipuram. Sie wurden von der Pallava-Dynastie erbaut und ihr kultureller Einfluss reichte weit über Indien hinaus bis nach Java und Kambodscha. Charakteristisch für diesen Stil sind die Vimana, die Türme, die sich über der Cella erheben. Im Laufe der Zeit wurde der Turm immer höher die Cholas haben in Tanjore einen 58 Meter hohen Vimana errichtet. Der Tempelturm von Tanjore ist so berühmt, dass er dem Prambanan-Tempel in Indonesien als Vorbild diente.

Tanjore – der Vimana vom Brihadishwara Tempel

Im Laufe der Zeit kamen immer neue Elemente hinzu, wie die Maha Mandapa (große Halle), die für Musikveranstaltungen benutzt wurde und die Kalyana Mandapa (Hochzeitshalle), wo jedes Jahr die Hochzeit der residierenden Gottheit mit seiner Begleiterin gefeiert wurde. Der Tempelbereich wurde durch eine Mauer geschützt. Die Mauer hatte vier Tore, über die die Gopurams gebaut wurden. Bei den Hoysalas haben die Tempel Jagati Plattformen, diese schützten die Tempel vor Wassereinbrüchen bei Starkregenfällen oder vor frei laufenden Tieren. Für die Gläubigen ermöglichten sie die rituelle Umschreitung (pradakshina), ohne sich die Füße im Schlamm oder mit Tierkot schmutzig zu machen und hielten so auch den Tempel sauber.

Gopuram von Chidabaram

Die Pandyas, die nach den Pallavas die Macht übernahmen, brachten die Entwicklung der Gopurams zur Vollendung: Sie waren die neuen, von weitem sichtbaren Zeichen der sich entwickelnden  Tempelstädte. Die Gopurams wurden mit Tausenden von Figuren verziert, die den Menschen die indischen Legenden näherbrachten, ähnlich wie die Armenbibel in katholischen Kirchen das tut. Am Ende dieser Entwicklung entstanden komplette, riesige Tempelstädte. Besonders gute Beispiele sind die Tempelanlagen von Sri Rangam, Madurai und Tanjore.

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