Ähnlich wie im Jemen sind auch der „Berg-Oman“ und die Küstengebiete zwei verschiedene Welten. Der Innere Oman war lange schwer zugänglich und so haben sich hier die Traditionen der Stämme und das ibaditische Imamat bis ins 20.Jahrhundert halten können. Jetzt, im 21.Jahrhundert, gibt es Straßen, die diese Bergwelt leichter zugänglich machen und so kommt die Veränderung. Die alten Häuser aus Lehm und Stein stehen noch aber sie sind selten bewohnt. Die Menschen, die in ihnen lebten sind in modernere Siedlungen umgezogen. Von den Dörfern ist aber noch genug da und auch die Aflaj sind erhalten, so dass man auf den Spuren der Vergangenheit wandeln kann, am Weg zum Jebal Shams.

Al Hamra
Al Hamra ist eine etwa 400 Jahre alte Stadt in der Region Dakhiliyah im Nordosten des Oman. Heute hat sie etwa 21.000 Einwohner und ist nur 32 Kilometer von Nizwa entfernt. Als Wilayat (Provinz) verwaltet sie mehrere Dörfer, darunter Misfat Al-Abryeen, das Dorf Ghul und Bimah an den Südhängen des Al-Akhdar Gebirges. Die Stadt ist auch als Hamra Al-Abryeen bekannt, das bezieht sich auf den Stamm der Al-Abri, der hier lebt. Es gibt quasi zwei Hamras, ein neues (bewohntes) und ein altes (verlassenes) Hamra, das für die Touristen interessant ist. Die alten Häuser sind groß, bis zu vier Stockwerke hoch mit Decken aus Palmbalken und Wedeln, die mit Lehm und Stroh bedeckt sind. Viele der alten Häuser sind im jemenitischen Stil. Das „Bait al-Safah“ ist vermutlich am bekanntesten.
Während der Herrschaft von Imam Saif bin Sultan, dem vierten Herrscher der Yaruba-Dynastie, wurde Al Hamra im späten 17.Jahrhundert von den Al-Abri-Stämmen besiedelt. Vor 1254 gab es keine Stadt, in der Region um Al Hamra gab es nur verstreut gelegene kleine Dörfer und einzelne Oasen, die als Kadam-Region bekannt waren. Jedenfalls berichtet das Sheik Ibrahim bin Saeed Al-Abri, der ehemalige Mufti des Sultanats so. Im 13.Jahrhundert dürften die Bewohner dieser Streusiedlungen begonnen haben mit den Yaruba (Ya’arabah-Stamm) zu kooperieren.

Zitat Sheik Ibrahim Saeed Al-Abri: „Wie bereits erwähnt, stammen diese Menschen aus der Mafsah-Region, weil das Land von Al-Hamra bis zum Jahr 1066 AH (1254) nicht bewohnt war und keinen Fluss hatte, wie ich in den Schriften von Scheich Rashid bin Raja Al-Abri gesehen habe. Imam Sultan bin Saeed bin Malik Al-Ya’arabi und seine Anhänger, das Volk von Al-Abri, begannen im ersten Monat von Jumada Al-Akhirah im Jahr 1066 AH (1254) mit der Arbeit am Falaj Al-Hamra.
Er erwähnte jedoch nicht den genauen Zeitpunkt, zu dem das Wasser floss. Wir hörten von den Gelehrten, dass der Betrieb allmählich war und damals das Wasser an der ersten Stelle in diesem Gebiet versiegte. Die Arbeiten dauern noch an, bis das Wasser zu Zeiten von Scheich Malik bin Rashid Anfang des 13. Jahrhunderts floss.
Dieses fließende Wasser ist als Al-Kiyumis bekannt, weil es durch die Hand eines Mannes aus dem Al-Kiyumi-Stamm floss. Ein fließendes Wasser ist eine Quelle, die aus dem Boden oder den Bergen entspringt, egal ob klein oder groß. Es wurde eine Partnerschaft für den Ya’arabah-Stamm in Al-Hamra bis zur Zeit von Imam Bal’arab bin Humair und Sayyid Sultan, dem Sohn von Imam Mahna bin Sultan. Dann verkauften sie alle ihre Anteile.

Misfah Al-Abriyyien
Auf einer Höhe von etwa 1.200 Metern über dem Meeresspiegel gelegen, ist Misfah al Abriyyin, kurz “Misfah”, für seine einzigartige Landschaft, seine traditionelle Architektur und seine überaus entspannte Atmosphäre bekannt. Das pittoreske Bergdorf liegt oberhalb der Stadt Al Hamra. Kurz vor dem alten Ortsteil von Al-Hamra zweigt eine Straße ab, die in engen Serpentinen in das 8,5 Kilometer entfernte kleine Bergdorf Misfat führt. Knapp bevor man Misfah erreicht gibt es einen schönen Aussichtspunkt und am Ortseingang ein Cafe. Der alte Dorfkern ist ist aus Natursteinen gemauert und klebt wie ein Schwalbennest am Berghang.
Die Fahrt zum 3.000m hohen Sonnenberg führt dann weiter durch das Wadi Ghul. Etwa 6 Kilometer nach Al-Hamra erreicht man den Wadi Ghul Damm, ein moderner Betondamm. Er schützt vor den Fluten, die nach schweren Regenfällen durch das Wadi schießen. Der Damm hält das Wasser auf, so dass es in den Boden versickern kann und damit über das Grundwasser dem Wasserkreislauf zugeführt wird. Nach weiteren 10 Kilometern hat man einen schönen Blick auf das Bergdorf Guhl, das nach 1980 aufgegeben wurde. Es gibt heute ein neues Guhl aus Beton, dessen Bewohner die Oase im Flussbett bewirtschaften.

Das Aflaj System – die Falaj
Die UNESCO hat die Bedeutung der omanischen Falaj-Bewässerungssysteme anerkannt und fünf besonders wichtige Kanäle auf ihre Liste gesetzt. Nizwa, Birkat Al-Mauz, Itzki, Rusaq und Al-Jailah sind nun Weltkulturerbe. Im gesamten Oman ist Landwirtschaft nur mittels künstlicher Bewässerung möglich. Der Regen ist die einzige Quelle für Grundwasser. In vielen Teilen des Landes gibt es bestenfalls 50mm Niederschlag pro Jahr. In den Bergen beträgt die Regenmenge immerhin 300mm pro Jahr. Die einzige Ausnahme ist der Dhofar wo es von Juni bis September leichten Monsunregen gibt.
Eine Legende erzählt, dass Salomo, der Sohn des David, auf einem fliegenden Teppich über den Oman geflogen ist und da bemerkte er die Trockenheit des Landes. Er fragte die hungernden Menschen ob er ihnen helfen könnte. Diese baten ihn um Wasser. Darauf rief er seine Jinnen (Geister) und befahl ihnen Bewässerungskanäle zu bauen. Die Geister waren sehr fleißig und bauten ein 7.000 Kilometer langes Netz an unterirdischen Tunneln, die das Wasser aus den Bergen zu den Menschen in die Oasen brachten. Diese Kanäle gibt es noch immer, sie werden Aflaj genannt.

Die Legende könnte einen wahren Kern haben. Diese Bewässerungsmethode wird im 6.Jahrhundert vor Christus (also zu Zeit Salomos) zum ersten Mal in historischen Quellen erwähnt. Vermutlich wurde sie im persischen Hochland entwickelt und von dort in den Nordoman eingeführt, der damals noch nicht Oman hieß und unter der Herrschaft von Kyros dem Großen stand. Ganz einig sind sich die Historiker aber nicht ob das stimmt, denn dieses Bewässerungssystem gibt es nicht nur in Persien. In Ost-Turkestan wird es „Korag“ genannt, in Afghanistan Karez, im Jemen Ghayl und in Nordafrika Foggara.
In Oman werden drei Formen der Falaj unterschieden: Die Aini-Aflaj, die direkt von Quellen gespeist wird, die Ghaili-Aflaj, die Wasser aus einem Wadi erhält und es über offene Kanäle zum Zielort leitet und die Iddi-Aflaj, die Grundwasser aus unterirdischen Brunnen nimmt und dieses in bis zu 20 m tiefen Tunneln mit minimalem Gefälle auf kilometerlangen Wegen ans Tageslicht befördert. Wo es Wassersysteme gibt, da existiert auch Wasserrecht – ein Wakir öffnet und schließt die Aflaj (Falaj)-Kanäle nach einem genau festgelegten Zeitplan und leitet etwa alle sechs Stunden frisches Wasser zu den Zielorten.

